Pressestimmen
"Für die immer zahlreicher werdenden Liebhaber der Literatur von Irène Némirovsky ist das mit vielen Abbildungen ausgestattete Buch eine reiche, unverzichtbare Fundgrube." (Frankfurter Allgemeine Zeitung )
"Kaum einer ihrer Biografen hat so ausführlich über Irène Némirovsky recherchiert." (Die Welt )
"Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt zeichnen in 'La vie d'Irène Némirovsky' mit besonderem Blick für die geistig-intellektuellen und politisch brisanten Bedingungen der Epoche den Weg nach, der (...) Irène nach Frankreich führte." (Neue Zürcher Zeitung )
"Kaum einer ihrer Biografen hat so ausführlich über Irène Némirovsky recherchiert." (Die Welt )
"Olivier Philipponnat und Patrick Lienhardt zeichnen in 'La vie d'Irène Némirovsky' mit besonderem Blick für die geistig-intellektuellen und politisch brisanten Bedingungen der Epoche den Weg nach, der (...) Irène nach Frankreich führte." (Neue Zürcher Zeitung )
Kurzbeschreibung
»Atemlos von einem Leben in ein anderes geschleudert« – das einzigartige Schicksal der großen französischen Schriftstellerin
Mit »Suite française« begann die weltweite Wiederentdeckung von Irène Némirovsky und ihrem Werk. Nun liegt endlich eine Biographie über diese Frau und Literatin, Tochter und Bürgerin vor. Sie liest sich wie der Roman eines abenteuerlichen Lebens.
»Den Geschmack bestimmter Tränen vergisst man nie.« Extreme Situationen und damit auch extreme Gefühle begleiten Irène Némirovsky von Kindheit an. Ihr Leben, das nur 39 Jahre währte und in Auschwitz endete, ist geprägt von den Stürmen des 20. Jahrhunderts, ihr Werk eine höchst eigenständige literarische Antwort darauf. Verlusterfahrungen und Einsamkeit sensibilisieren sie früh für Vergänglichkeit. Eine selbstsüchtige Mutter verweigert ihr Liebe und Wärme, das Russland ihrer Herkunft versinkt, Frankreich wird ihr zur zweiten Heimat. Dort entstehen Romane, in denen sie ihr atemloses Leben literarisch verdichtet.
Ihren Biographen gelingen sensible Momentaufnahmen versunkener Epochen, verlorener Schönheit und literarischer Kraft. Souverän verzahnen sie historischen Niedergang und gesellschaftlichen Umbruch mit den Geschichten einer außergewöhnlichen Frau, deren Figuren sich zwischen Nüchternheit und großen Gefühlen, zwischen Illusionslosigkeit und Empathie bewegen.
Mit »Suite française« begann die weltweite Wiederentdeckung von Irène Némirovsky und ihrem Werk. Nun liegt endlich eine Biographie über diese Frau und Literatin, Tochter und Bürgerin vor. Sie liest sich wie der Roman eines abenteuerlichen Lebens.
»Den Geschmack bestimmter Tränen vergisst man nie.« Extreme Situationen und damit auch extreme Gefühle begleiten Irène Némirovsky von Kindheit an. Ihr Leben, das nur 39 Jahre währte und in Auschwitz endete, ist geprägt von den Stürmen des 20. Jahrhunderts, ihr Werk eine höchst eigenständige literarische Antwort darauf. Verlusterfahrungen und Einsamkeit sensibilisieren sie früh für Vergänglichkeit. Eine selbstsüchtige Mutter verweigert ihr Liebe und Wärme, das Russland ihrer Herkunft versinkt, Frankreich wird ihr zur zweiten Heimat. Dort entstehen Romane, in denen sie ihr atemloses Leben literarisch verdichtet.
Ihren Biographen gelingen sensible Momentaufnahmen versunkener Epochen, verlorener Schönheit und literarischer Kraft. Souverän verzahnen sie historischen Niedergang und gesellschaftlichen Umbruch mit den Geschichten einer außergewöhnlichen Frau, deren Figuren sich zwischen Nüchternheit und großen Gefühlen, zwischen Illusionslosigkeit und Empathie bewegen.
Über den Autor
Olivier Philipponnat, geboren 1967, ist freier Journalist und Publizist. Seit der aufsehenerregenden Entdeckung des Manuskripts »Suite française« von Irène Némirovsky beschäftigte er sich zusammen mit Patrick Lienhardt intensiv mit dem Nachlass der Autorin. Den beiden ist die Veröffentlichung des Romanfragments »Leidenschaft – Le chaleur du sang« zu verdanken.
Eva Moldenhauer, 1934 in Frankfurt/Main geboren, ist seit 1964 als Übersetzerin tätig. Sie übersetzte u.a. Claude Simon, Jorge Semprun, Agota Kristof, Jean Paul Sartre und Lévi-Strauss. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. 1982 mit dem "Helmut-M.-Braem-Preis" und 1991 mit dem "Celan-Preis". 2005 wurde sie für ihre Neu-Übersetzung von Claude Simons "Das Gras" für den "Preis der Leipziger Buchmesse" nominiert.
Eva Moldenhauer, 1934 in Frankfurt/Main geboren, ist seit 1964 als Übersetzerin tätig. Sie übersetzte u.a. Claude Simon, Jorge Semprun, Agota Kristof, Jean Paul Sartre und Lévi-Strauss. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. 1982 mit dem "Helmut-M.-Braem-Preis" und 1991 mit dem "Celan-Preis". 2005 wurde sie für ihre Neu-Übersetzung von Claude Simons "Das Gras" für den "Preis der Leipziger Buchmesse" nominiert.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Irène Némirovsky hat oft gesagt, dass sie, bevor sie zu schreiben anfange, ganze Hefte mit biographischen Hinweisen über alle ihre Personen fülle, was sie das «Vorleben des Romans» nannte. Dann las sie alles noch einmal durch, wobei sie sich zensierte und kommentierte und damit auch erregende Reflexionen über ihren Beruf als Schriftstellerin preisgab.
Von diesen Kladden voll persönlicher Erinnerungen und autobiographischer Notizen war im Jahre 2004 nur noch das Manuskript von Suite française vorhanden, eines, das für ihre Arbeitsmethode am wenigsten charakteristisch ist. Dabei hatte sie doch den größten Teil aufbewahrt. Glücklicherweise sind im Laufe des Jahres 2005 die Notizen zu David Golder, zu Le Pion sur l'échiquier, zu Le Vin de solitude, zu Les Échelles du Levant (Le Maître des âmes), zu Les Chiens et les Loups wiederaufgetaucht, desgleichen die ersten Skizzen zu Captivité, dem dritten Teil von Suite française. Darunter auch ein unveröffentlichter Roman, Chaleur du sang, zahlreiche Novellen, Jugendtexte und einzelne Seiten.
Unter all den realen Personen, die ihr für ihre Figuren als Vorlage dienten, war sie selbst nicht die geringste. Viele Seiten des Arbeitsjournals von Le Vin de solitude enthalten Erinnerungen an Gespräche, zwanzig Jahre zuvor vernommene, mit einer bisweilen schmerzlichen Anstrengung ins Gedächtnis zurückgerufene Bemerkungen, die wir im ersten Teil dieses Buchs gewissenhaft wiedergeben. So dass das «Vorleben» von Irène Némirovsky im zaristischen und revolutionären Russland, das ihrer Eltern und Großeltern, ihr Exil in Finnland und dann in Schweden, das bisher nur anhand weniger administrativer Dokumente und einiger Presseinterviews aus den 1930er Jahren bekannt waren, mit einem erstaunlichen Reichtum an Details dem Vergessen entrissen wurden, zuweilen erhärtet durch neue archivistische Quellen und unveröffentlichte Familienzeugnisse.
In der vorliegenden Biographie weisen wir auf die Herkunft aller aus Irène Némirovskys veröffentlichtem Werk stammenden Zitate hin. Sollte die Quelle der meist autobiographischen Zitate nicht genannt werden, dann stammen sie aus diesen Manuskripten, Zeitungen und Arbeitsheften, die alle im Institut Mémoire de l'Édition Contemporaine (IMEC) in der Abbaye d'Ardenne in der Normandie aufbewahrt werden und in der Bibliographie am Ende dieses Werks aufgeführt sind.
Prolog
Ich glaube, daß wir heute abfahren ...
(17. Juli 1942)
«Daß Kinder, Frauen, Männer, Väter und Mütter wie eine gemeine Herde behandelt wurden, daß Mitglieder ein und derselben Familie voneinander getrennt und mit unbekanntem Ziel abtransportiert wurden, dies traurige Schauspiel war unserer Zeit vorbehalten.«
Mgr. Jules Saliege, Erzbischof von Toulouse Hirtenbrief Et clamor Jerusalem ascendit, 23. August 1942
Es ist ein Waggon mit einer Schiebetür, der für Viehtransporte bestimmt ist. Man hat Stroh hineingeworfen und einen Eimer Wasser hineingestellt. Die Fensterluken sind mit Stacheldraht versehen, so dass man nicht entkommen kann, sobald die Tür geschlossen wird. Ein rollendes Gefängnis, an ein anderes angehängt, das ein drittes zieht und so fort. Dieser Transport vom 17. Juli 1942 ist der sechste, der Frankreich verlässt. Seine neunhundertachtundzwanzig Fahrgäste haben nicht darum gebeten, die Reise anzutreten, sie haben keine Fahrkarte, sie haben nur einen Koffer und ein paar Gepäckstücke. Sie kennen ihr Reiseziel nicht, und ihre Angehörigen wissen nicht, dass sie wegfahren.
Einige dieser Reisenden sind aus Anlass der Razzia vom 14. Mai 1941 in Paris irreführenderweise «vorgeladen» worden, zwecks «Überprüfung ihrer Situation». Seitdem hocken sie in jenem behelfsmäßigen Lager, dem sie so leicht hätten entkommen können, wenn sie nicht befürchtet hätten, ihre Familien Repressalien auszusetzen. Seit einigen Wochen werden auch Frauen und Kinder festgenommen. Eine umso leichtere Aufgabe, als sich fast alle bei den Behörden gemeldet haben: Was riskierte man denn in Frankreich, wenn man sich an die gesetzlichen Vorschriften hielt? Andere, wie sie, sind erst vor einigen Tagen aus ihrer Wohnung geholt worden. Ihre Verhaftung hat sie nicht überrascht: Seit Oktober 1940 ist die Staatsgewalt berechtigt, die Juden in «Sonderlagern» zu internieren, je nach Ermessen der Präfekten.
Denn sie alle sind Juden, alle Ausländer: was im besetzten Frankreich ein Delikt ist. Sie sind, einen Koffer in der Hand, im Gänsemarsch durch Pithiviers gegangen, unter den Fenstern der Bewohner. Sie sind an der Zuckerfabrik vorbeigekommen, haben die Schienen überquert, sind durch das von einem Gendarmen bewachte Holztor gegangen. Nach ihrer Registrierung sind sie in große Militärbaracken gebracht worden, wo mit Stroh bedeckte Pritschen etwa hundert Erwachsene aufnehmen konnten. «Natürlich hätte das Loiret gern auf dieses Geschenk verzichtet!», bedauerte L'Echo de Pithiviers am 24. Mai 1941. «Doch werden die ausländischen Juden, da gut bewacht, nicht allzu gefährlich sein. Und alles in allem ist es vorzuziehen, sie hinter Stacheldraht zu wissen als an der Spitze unserer Rathäuser und unserer großen Verwaltungen (...). Die Säuberung Frankreichs hat also ernsthaft begonnen. Gestehen wir, daß sie notwendig war und schon viel zu lange auf sich hatte warten lassen.»1
Die zur Bewachung des Lagers eingesetzten französischen Gendarmen sind nicht besonders bösartig. Nur diszipliniert. Einige erleichterten die Besuche, den Empfang von Päckchen, posierten mit den Inhaftierten für ein Erinnerungsfoto. Doch seit dem Sommer 1941 hat sich das Reglement verschärft. Einige hundert Häftlinge, die die Zwangsarbeit auf den benachbarten Bauernhöfen ablehnten, hatten schließlich das Weite gesucht. Als Vergeltungsmaßnahme wird keine Ausgangserlaubnis mehr erteilt, und alle Besuche sind abgeschafft worden. Jetzt ist es illusorisch, der Beobachtung der auf Wachtürmen hinter den Zäunen postierten Bewachern zu entgehen. Die wiedereingefangenen Flüchtigen werden einige Tage in der prallen Sonne in einem kleinen Gefängnis aus Wellblech eingesperrt. Die deutsche Verwaltung hat beschlossen, diesen Komplex von Baracken sowie die von Beaune-la-Rolande, die 1940 errichtet worden waren, um hypothetische Kriegsgefangene aufzunehmen, in ein Durchgangslager zu verwandeln, von wo aus die Häftlinge ins Arbeitslager Auschwitz-Birkenau in Polen transportiert würden. Dort können alle diese Juden, den Blicken entzogen, zu Zehntausenden zusammengepfercht und zum gegebenen Zeitpunkt - manchmal auch sofort - in den Gaskammern ermordet werden, was seit 1942 ein operatives Verfahren war.
Am 25. und 28. Juni 1942 haben also zwei erste Transporte von jeweils etwa eintausend Personen das Lager mit unbekanntem Ziel verlassen. Und um diese Zahl aufrechtzuerhalten, kam es in der besetzten Zone zu immer mehr Verhaftungen, die bürokratisch als «Umsiedlungsoperationen» bezeichnet wurden. Zwischen den Neuzugängen und den Abtransporten ähnelt das Lager von Pithiviers in diesem beginnenden Sommer einer Bahnhofshalle.
Von diesen Kladden voll persönlicher Erinnerungen und autobiographischer Notizen war im Jahre 2004 nur noch das Manuskript von Suite française vorhanden, eines, das für ihre Arbeitsmethode am wenigsten charakteristisch ist. Dabei hatte sie doch den größten Teil aufbewahrt. Glücklicherweise sind im Laufe des Jahres 2005 die Notizen zu David Golder, zu Le Pion sur l'échiquier, zu Le Vin de solitude, zu Les Échelles du Levant (Le Maître des âmes), zu Les Chiens et les Loups wiederaufgetaucht, desgleichen die ersten Skizzen zu Captivité, dem dritten Teil von Suite française. Darunter auch ein unveröffentlichter Roman, Chaleur du sang, zahlreiche Novellen, Jugendtexte und einzelne Seiten.
Unter all den realen Personen, die ihr für ihre Figuren als Vorlage dienten, war sie selbst nicht die geringste. Viele Seiten des Arbeitsjournals von Le Vin de solitude enthalten Erinnerungen an Gespräche, zwanzig Jahre zuvor vernommene, mit einer bisweilen schmerzlichen Anstrengung ins Gedächtnis zurückgerufene Bemerkungen, die wir im ersten Teil dieses Buchs gewissenhaft wiedergeben. So dass das «Vorleben» von Irène Némirovsky im zaristischen und revolutionären Russland, das ihrer Eltern und Großeltern, ihr Exil in Finnland und dann in Schweden, das bisher nur anhand weniger administrativer Dokumente und einiger Presseinterviews aus den 1930er Jahren bekannt waren, mit einem erstaunlichen Reichtum an Details dem Vergessen entrissen wurden, zuweilen erhärtet durch neue archivistische Quellen und unveröffentlichte Familienzeugnisse.
In der vorliegenden Biographie weisen wir auf die Herkunft aller aus Irène Némirovskys veröffentlichtem Werk stammenden Zitate hin. Sollte die Quelle der meist autobiographischen Zitate nicht genannt werden, dann stammen sie aus diesen Manuskripten, Zeitungen und Arbeitsheften, die alle im Institut Mémoire de l'Édition Contemporaine (IMEC) in der Abbaye d'Ardenne in der Normandie aufbewahrt werden und in der Bibliographie am Ende dieses Werks aufgeführt sind.
Prolog
Ich glaube, daß wir heute abfahren ...
(17. Juli 1942)
«Daß Kinder, Frauen, Männer, Väter und Mütter wie eine gemeine Herde behandelt wurden, daß Mitglieder ein und derselben Familie voneinander getrennt und mit unbekanntem Ziel abtransportiert wurden, dies traurige Schauspiel war unserer Zeit vorbehalten.«
Mgr. Jules Saliege, Erzbischof von Toulouse Hirtenbrief Et clamor Jerusalem ascendit, 23. August 1942
Es ist ein Waggon mit einer Schiebetür, der für Viehtransporte bestimmt ist. Man hat Stroh hineingeworfen und einen Eimer Wasser hineingestellt. Die Fensterluken sind mit Stacheldraht versehen, so dass man nicht entkommen kann, sobald die Tür geschlossen wird. Ein rollendes Gefängnis, an ein anderes angehängt, das ein drittes zieht und so fort. Dieser Transport vom 17. Juli 1942 ist der sechste, der Frankreich verlässt. Seine neunhundertachtundzwanzig Fahrgäste haben nicht darum gebeten, die Reise anzutreten, sie haben keine Fahrkarte, sie haben nur einen Koffer und ein paar Gepäckstücke. Sie kennen ihr Reiseziel nicht, und ihre Angehörigen wissen nicht, dass sie wegfahren.
Einige dieser Reisenden sind aus Anlass der Razzia vom 14. Mai 1941 in Paris irreführenderweise «vorgeladen» worden, zwecks «Überprüfung ihrer Situation». Seitdem hocken sie in jenem behelfsmäßigen Lager, dem sie so leicht hätten entkommen können, wenn sie nicht befürchtet hätten, ihre Familien Repressalien auszusetzen. Seit einigen Wochen werden auch Frauen und Kinder festgenommen. Eine umso leichtere Aufgabe, als sich fast alle bei den Behörden gemeldet haben: Was riskierte man denn in Frankreich, wenn man sich an die gesetzlichen Vorschriften hielt? Andere, wie sie, sind erst vor einigen Tagen aus ihrer Wohnung geholt worden. Ihre Verhaftung hat sie nicht überrascht: Seit Oktober 1940 ist die Staatsgewalt berechtigt, die Juden in «Sonderlagern» zu internieren, je nach Ermessen der Präfekten.
Denn sie alle sind Juden, alle Ausländer: was im besetzten Frankreich ein Delikt ist. Sie sind, einen Koffer in der Hand, im Gänsemarsch durch Pithiviers gegangen, unter den Fenstern der Bewohner. Sie sind an der Zuckerfabrik vorbeigekommen, haben die Schienen überquert, sind durch das von einem Gendarmen bewachte Holztor gegangen. Nach ihrer Registrierung sind sie in große Militärbaracken gebracht worden, wo mit Stroh bedeckte Pritschen etwa hundert Erwachsene aufnehmen konnten. «Natürlich hätte das Loiret gern auf dieses Geschenk verzichtet!», bedauerte L'Echo de Pithiviers am 24. Mai 1941. «Doch werden die ausländischen Juden, da gut bewacht, nicht allzu gefährlich sein. Und alles in allem ist es vorzuziehen, sie hinter Stacheldraht zu wissen als an der Spitze unserer Rathäuser und unserer großen Verwaltungen (...). Die Säuberung Frankreichs hat also ernsthaft begonnen. Gestehen wir, daß sie notwendig war und schon viel zu lange auf sich hatte warten lassen.»1
Die zur Bewachung des Lagers eingesetzten französischen Gendarmen sind nicht besonders bösartig. Nur diszipliniert. Einige erleichterten die Besuche, den Empfang von Päckchen, posierten mit den Inhaftierten für ein Erinnerungsfoto. Doch seit dem Sommer 1941 hat sich das Reglement verschärft. Einige hundert Häftlinge, die die Zwangsarbeit auf den benachbarten Bauernhöfen ablehnten, hatten schließlich das Weite gesucht. Als Vergeltungsmaßnahme wird keine Ausgangserlaubnis mehr erteilt, und alle Besuche sind abgeschafft worden. Jetzt ist es illusorisch, der Beobachtung der auf Wachtürmen hinter den Zäunen postierten Bewachern zu entgehen. Die wiedereingefangenen Flüchtigen werden einige Tage in der prallen Sonne in einem kleinen Gefängnis aus Wellblech eingesperrt. Die deutsche Verwaltung hat beschlossen, diesen Komplex von Baracken sowie die von Beaune-la-Rolande, die 1940 errichtet worden waren, um hypothetische Kriegsgefangene aufzunehmen, in ein Durchgangslager zu verwandeln, von wo aus die Häftlinge ins Arbeitslager Auschwitz-Birkenau in Polen transportiert würden. Dort können alle diese Juden, den Blicken entzogen, zu Zehntausenden zusammengepfercht und zum gegebenen Zeitpunkt - manchmal auch sofort - in den Gaskammern ermordet werden, was seit 1942 ein operatives Verfahren war.
Am 25. und 28. Juni 1942 haben also zwei erste Transporte von jeweils etwa eintausend Personen das Lager mit unbekanntem Ziel verlassen. Und um diese Zahl aufrechtzuerhalten, kam es in der besetzten Zone zu immer mehr Verhaftungen, die bürokratisch als «Umsiedlungsoperationen» bezeichnet wurden. Zwischen den Neuzugängen und den Abtransporten ähnelt das Lager von Pithiviers in diesem beginnenden Sommer einer Bahnhofshalle.