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Von der Unordnung der Dinge
Jegor Gran schnuppert Skandalluft
Eine gute Komödie sollte immer die schlimmstmögliche Wendung nehmen, und genau dies ist das Rezept des Romans «Ipso facto», der mit mehr Recht «Ipso fictio» hiesse, um so den Leser auf eine durch und durch kafkaeske Welt vorzubereiten, in die sich ein typischer Stadtneurotiker verirrt. Wir sind in Paris, der Stadt, in der Michel Foucault seine «Archäologie des Wissens» und seine «Ordnung der Dinge» verfasste. Der Antiheld in Jegor Grans rasantem, namentlich auf Grund des virtuosen Sprach- und Gedankenflusses vielversprechendem Erstling arbeitet als Paläontologe im Kreis gähnend langweiliger Iguanodonten und archiviert in seiner Freizeit mit inbrünstiger Besessenheit seine Papiere: «Aus meinem Stammbaum ist schon lange alles Äffische verschwunden, warum sollte ich da dem Konsumwahn verfallen oder wie ein gesprengtes Hochhaus vor dem Fernseher hinsinken», wo doch noch Formulare und Dokumente ihrer akkuraten Ablegung harren. Stolz schichtet er den Bürokratenkram, denn er ist überzeugt, dass sich seine Frau nur in ihn verliebt hat, weil er so verantwortungsbewusst ist: «Glaubt mir, es vermittelt einer Frau Sicherheit, wenn sie weiss, dass die Papiere immer tadellos in Ordnung sein werden, das suchen sie im Grunde heute doch alle; nicht mehr langhaarige Rebellen (. . .). So vollzieht sich die natürliche Auslese.»
Aber hoppla: Der Papiertiger oder eher Papyrosaurus findet im entscheidenden Moment sein Abiturzeugnis nicht und verliert Stelle, Ehre, Frau und Kind. Schliesslich ist man vor der Reifeprüfung «nichts als ein Menschenlehrling, eigentlich ein Homunkulus, unwissend, unvollkommen, der Unterschied zum Rhesusaffen fällt kaum auf». Als Entrechteter gerät er in das Labyrinth der Bürokratie, die nicht nur in der Sowjetunion, aus der Jegor Grans Familie 1973 nach Paris emigriert ist, die Menschen «Vor dem Gesetz» stehenlässt (vielleicht ist das Ganze auch eine Parabel über die sans-papiers). Nach allerlei Wirrungen taucht das Zeugnis des mittlerweile zum medial hochgespielten Vorbilds aller Loser und der zu einer Art Nationalunheiligtum gewordenen Hauptfigur in einer Auktion auf und erzielt Rekordpreise. Als weitere Zeugnisse in Umlauf kommen, wird er als naturgemäss hochqualifizierter Experte für seinen eigenen Abiturschein, der den Status von Christi Grabtuch erlangt hat, wieder reich und kann zuletzt dem Museum das Original schenken. Happy-End.
So weit, so grotesk. Aufsehen erregte das Buch auf Grund der sexuellen Obsessionen, die so kalt-distanziert in Szene gesetzt werden wie der erotische Judokampf in Kafkas «Amerika». Der Ordnungsmensch verliert auch im désordre extremer Orgien nie den Kopf. Die Sexualität hat in der Ordnung der Diskurse längst ihren Platz zugewiesen bekommen, und wenn die Ehefrau den Sortiersüchtigen gerade mit dessen Freund betrügt, macht ihm höchstens der entstandene Teeflecken auf ihrem Kleid Sorgen. Das latent Sexuelle wird bei allen Szenen ausgespielt, als sei es das Nebensächlichste und Selbstverständlichste der Welt. Man beschläft sich, wie man sich die Hände schüttelt; auf dem Cafétisch neben dem Nouveau-roman-Autor, in der Warteschlange in jeder Lebenslage. Um aber politisch wirklich unkorrekt zu sein, macht der Autor vor nichts halt immerhin erschien das Buch in Frank- und Freizügigreich: Von seinem «Alten», den er seit der «Jurazeit» nicht mehr gesehen hat, hinausgeworfen, gibt er im Gang seiner Mutter einen «Abschiedskuss»: «Ob einer schön ist oder hässlich, intelligent oder blöd, gewissenhaft oder hirnlos bei seiner Ordnung, eine Mutter ist wie ein Hund, sie liebt ihn aus Instinkt, da liess ich mich nicht lange bitten, ich wütete in dem Kanal, durch den ich in die Welt gekommen bin, eine wahre Rückkehr zu den Quellen, die Geschichte mit dem Lachs, der seinen Heimatfluss hinaufsteigt.»
Doch da dem Autor schon lange die Welt und Wirklichkeit abhanden gekommen ist, indem er sich ganz der Eigendynamik der Sprache überlassen hat, fallen solche Szenen ins freie Spiel der Signifikanten, das man nicht mehr beim Wort nehmen kann. Die Metaphern entfalten ein Eigenleben und arten zu monströsen Gebilden aus wie bei T. C. Boyle; und in der Tat beherrschen in der Alten Welt nur wenige die Kunst der grotesken Übertreibung ähnlich leichtfüssig wie Gran. Er bringt ganz nebenbei einen «jungen» Tonfall in die Literatur, um den man sich im deutschen Raum krampfhaft bemüht. Das Buch wird im Dialog mit den Lesern erzählt («Und was tut meine Rechte? Frage ich, und ja! Ihr habt's erraten, die Rechte liegt schön geöffnet auf Nadines Fahrgestell», doch bald «liegt sie nicht mehr auf Nadine, ach, seltsam, sie ist mir rasch in die Hosentasche geschlüpft» usw.), die Sätze werden gleichsam neben den Text hingesprochen, wobei der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel ein kongenial-lockeres Deutsch entwickelt. Der Roman ist süffig, man leert ihn in einem Zug. Richtig besoffen aber macht er nicht, dafür bleibt er zu berechenbar in Machart und Wirkung. Empörung wäre allzu billig. Leise-beschwingt nur säuselt der Skandal.
Stefan Zweifel