"Wir haben eine mediale Bilderwelt geschaffen, die dem Einzelnen die Traumarbeit, die mythologische
Arbeit abnimmt, indem sie fertige Traumbilder für die fehlenden eigenen Imaginationen anbietet."
(Peter Sloterdijk)
Wenn Dichtkunst sich gegenüber Wissenschaft positionieren will, dann bedarf es einer Dialektik, wie es Ion und Sokrates verstehen. Der frühe Sokrates ist es in Platons Werken, der im Gegensatz zur Parodie Rhapsodie erörtert mit Ion, dem Sieger in einem Wettbewerb von Rhapsoden. Ion behauptet eben, des beste Redner über Homer zu sein, sich die besten Gedanken über Homers Verse machen zu können. Was will er verdeutlichen? Seine Gedanken sind höher einzustufen über Homers Dichtung als die von Homer selbst. Sokrates liebt keine Hochstapelei, es sei denn, sie ist bewiesen. So kann es nur sein, dass Ion weder Kunst noch Wissenschaft verstehe, da doch Wissen auf das Ganze gerichtet sei. Wenn schon nicht Kunst (techne), dann ist es "göttliche Kraft" , die den Rhapsoden bewegt. Er ist eben wie ein Medium, durch den der Gott spricht (vgl. Goethe,
Iphigenie auf Tauris). So wird der Dichter Dolmetscher. Gegenüber Ion jedoch bleibt die Frage, ob er sachkundig in den Homer-Versen oder eben nur "göttlich" inspiriert ist. Ion muss einräumen, dass er nichts weiß, Rhapsodie ist somit Eingebung und nicht Wissen.
Platon ist ein Schlitzohr. Mit Sokrates zeigt er, dass unbegründetes Selbstbewusstsein, was Ion nur vorgeblich an den Tag legt, nichts taugt. Nur einen Dichter zu kennen, heisst keinen zu kennen. In der Umkehrung zeigt er die Existenz eines erkennenden Menschen. Der Philosoph gegenüber dem Dichter wird abgegrenzt und Platon hat in dieser Schrift den Weg bereitet für seine Wachsamkeit, die sich vom Menon bis zum Phaidros zieht, vielleicht gar bis zu den Gesetzen. Ordnung wollte er schaffen, Erkenntnis und Enthusiasmus mussten ihren Platz haben und die Frage ist, ob er nicht zuletzt seine Ideen ordnen wollte.
Rhapsoden, so Giorgio Agamben in
"Profanierungen", sind das Gegenteil von Parodisten. Die Pausen zwischen den Rhapsoden füllten die, die das bisher Gehörte umkehrten, eben die Parodisten. Parodie ist verdrehte Rhapsodie. Wenn Platon seine Ironie zur Rhapsodie bzw. über Rhapsoden erzählt im Sinne Ions, dann wird Homers Sinn ins Lächerliche übertragen und genau diese Ionische Rhapsode wird aufgelöst in dem Bestreben, das Ernste von dem Lächerlichen zu trennen. Eigentlich sogar, sich selbst zu trennen von dem uneigentlichen Selbst, von einem nur vorgespielten lügnerischen Selbstbewusstsein.
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