Aus der Amazon.de-Redaktion
"Drei Monate lang war ich homosexuell. Genauer, drei Monate lang glaubte ich, dazu verurteilt zu sein." So lautet der Anfang des Romans, und man fürchtet, ein homophobes Pamphlet vor sich zu haben, das die Lektüre nicht lohnt. Weit gefehlt --
Inzest ist eines der aufregendsten Bücher seit langem, sein pervers überspanntes Stakkato brillant geschliffen. Die lesbische Geschichte einer Amour fou dient dabei nur als Einstieg, der etwas viel Profunderes zu Tage bringt. Insofern muss man auch den Klappentext als irreführend bezeichnen, stürzt er sich doch alleine auf die pikanten "Gründe und Abgründe dieser unmöglichen Liebe".
Die Ich-Erzählerin schildert den Telefonterror, mit dem sie ihre Ex-Affäre überzieht, da es ihr trotz aller Abneigung gegen Homosexualität unmöglich ist, mit ihr Schluss zu machen. Die Geliebte selbst (eine ruhige, zehn Jahre ältere Ärztin) bleibt dabei blass und kann die wütende Hassliebe, die sie in der Erzählerin auslöst, nicht erklären; sie ist nur eine Projektionsfläche. Was für ein Problem also hat die Erzählerin, warum kämpft sie mit der Auffassung, der Mann sei "besser als die Frau (als Liebhaber), der Weiße besser als der Schwarze, der Mediziner besser als der Arbeiter"? Wobei sie sich ihres Wahnsinns voll bewusst ist.
Ohne Christine Angots literarische Meisterleistung reduzieren zu wollen (und zu können), beginnt man in den folgenden beiden Kapiteln unweigerlich nach Erklärungen zu suchen: Mit vierzehn traf sie erstmals ihren Vater, einen angesehenen Linguistikprofessor, und wurde von ihm in den folgenden Jahren wiederholt missbraucht. Wie ihr Vater die Weiblichkeit seiner Tochter verachtete, wird die Tochter nun ihrerseits Underdogs hassen. In der Nähe einer lesbischen Beziehung bricht die Erinnerung an den Inzest -- der ihr jede Sexualität, in der sie sich nicht leicht distanzieren kann, unmöglich macht -- wieder auf. Beim Schreiben wird Christine Angot nie erneut zum Opfer, sondern führt den Stift ohne Rücksicht auf Verluste, tragikomisch, fast burlesk. --Stephanie Sellier
Audiobook-Rezensionen
Mit ihrem Bekenntnisroman Inzest sorgte die französische Autorin Christine Angot 1999 für einen Skandal. Bemerkenswert an dem Buch ist die schonungslos offene Darstellung eines gesellschaftlichen Tabus: des Missbrauchs der Tochter durch den Vater. Ebenso bemerkenswert ist, dass die Autorin sich weigert, auch nur einen Hauch von Fiktion in ihren Text zu bringen. Das poetische Ich der Erzählerin ist ihr eigenes Ich. Dieser Zwang, alles nachvollziehbar zu dokumentieren, bescherte der Autorin das nicht ganz freiwillige Verlassen von Montpellier. Heute lebt sie mit ihrer Tochter Léonore im anonymeren Paris.
Als einschneidendes, krankmachendes Erlebnis wird zu Beginn die lesbische Episode mit einer 10 Jahre älteren Ärztin geschildert. Homosexualität bekommt in diesen hysterischen, gehetzten Sätzen einen seltsam kranken Beigeschmack. Kein Funken von Erotik ist hier zu spüren oder zu erahnen. Vergleiche mit Alkoholabhängigkeit, mit Leid, Sucht, Verurteilung und Hörigkeit irritieren. Noch mehr fühlt man sich konsterniert, als auf die drei Monate dauernde Homosexualität der Wahnsinn und die Paranoia folgen. Doch das alles war sozusagen nur das Vorspiel: Hinter allem wütet die traumatische Verführung des 14-jährigen Mädchens durch den Vater, den sie jetzt erst kennen gelernt hatte. Die homosexuelle Erfahrung diente im Grunde als Befreiungsversuch von ihrem Vater. Hier wie dort fühlte sie sich als Hund, der seinen Herren sucht. Die Autorin bemerkt mehrmals, dass allein das Schreiben sie vor dem Wahnsinn bewahrt habe!
Das Hörspiel arbeitet vor allem die Zerrissenheit und Erniedrigung im Monolog der Ich-Erzählerin heraus. Es ist ohne Zweifel das Verdienst der Schauspielerin Sophie Rois (sie ist im Ensemble der Berliner Volksbühne) die literarische Vorlage aufgewertet zu haben. Ihre raue und heisere Stimme scheint wie gemacht für die hektischen Selbstgespräche. Virtuos wechselt sie Sprechhaltungen, manchmal meint man das Verrücktsein schon zu hören; sie macht die Sprachlosigkeit der Figur mit atemlos vorgetragenen Staccato-Sätzen hörbar. Hörspiel, Spieldauer: ca. 55 Minuten, 1 CD. Mit Booklet. Eine Produktion des WDR.
-- culture.text
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.