Im Grunde sind es zwei völlig unterschiedliche Musiken, die auf "Invocations / The Moth And The Flame" auf einer Veröffentlichung zusammengezwungen sind. Ein gemeinsames Motiv ist beim besten Willen nicht zu erkennen. Auch die Aufnahmen liegen ein Jahr auseinander (1979/1980), sodass wirklich nicht nachvollziehbar ist, warum Jarrett bzw. ECM auf einer solchen Doppel-LP seinerzeit bestanden haben.
Für die Aufnahmen zu "Invocations" kehrte Jarrett 1980 an die monströse Orgel der Klosterkirche Ottobeuren zurück, wo er schon vier Jahre zuvor "Hymns/Spheres" eingespielt hatte. Dieses Mal kombiniert er die Orgelklänge mit dem Sopran-Saxophon. Beide Instrumente sind nicht wirklich Jarretts Welt und so vermag auch "Invocations" trotz zweier halbwegs hörbarer Parts ("First - Solo Voice" und "Fifth - Recogniton", beide auch auf dem "rarum"-Sampler vereint) nicht zu überzeugen. Ganz und gar schröcklich ist Part 4 ("Fourth - Shock, Scatter"). Grausame Geräusche (von Tönen mag man gar nicht sprechen) werden hier auf dem Saxophon und der Orgel verbrochen. Wozu? Gefällt das IRGENDJEMANDEM? Auch der Teil 6 ("Sixth - Celebration") ist nur schwer erträglich.
Ganz anders und viel besser ist die zweite Hälfte der bizarren Kombination, "The Moth And The Flame". Sie besteht aus fünf Solo-Klavierstücken und fügt sich damit in die Reihe derartiger Aufnahmen mit "Facing You" und "Staircase". Allerdings wirken diese Stücke stärker "vorkomponiert" als andere Studioeinspielungen Jarretts, die auch unmittelbar vor Publikum entstanden sein könnten. Vielleicht mit Ausnahme von Part 4, der ein wenig abfällt, zeigen diese Titel die wahre Könnerschaft Keith Jarretts: den weißen und schwarzen Tasten fabelhafte Klangwelten zu entlocken. Part 3 ist dabei der Ausreißer nach oben.
Wie soll man diese Doppel-CD bewerten? Ein bis zwei Sterne für "Invocations", vier bis fünf für "The Moth And The Flame", ergibt einen Dreisterner im Durchschnitt.