Als Fan der "alten" Genesis gebe ich hier trotzdem die volle Punktzahl. Warum? Weil den Jungs das voll gelungen ist, was sie sich vorgenommen hatten. Sie wollten DEN großen kommerziellen Erfolg und sie haben es mit diesem Album geschafft. Nach ihren künstlerischen Höhepunkten in den 70-er Jahren, erlebten sie hier ihren zweiten Frühling. Dies jedoch ohne sich völlig zu verraten oder zu verbiegen. Eine gewisse musikalische "Verschlankungskur" setzte bereits anno 1978 mit dem Album "And Then There were Three" ein und setzte sich bis zum 1991-er Album "We Can't Dance" fort. Die Stücke wurden immer kürzer, song-orientierter, die Melodien immer eingängiger.
Also, die Jungs gingen bewusst in Richtung straighter Pop-Rock und Charts und machen hier nun weiter, wo sie mit dem 83-er Album aufgehört haben. Die Aufnahme ist aber klarer, powervoller, kräftiger, bissiger, besser.
Erstens, haben wir hier sehr schöne Melodien. Das konnten die Jungs immer. Auch wenn einiges eher schmalzig daherkommt (Throwing it all away, In too deep), zeigt sich erst beim näheren Hinhören, dass das Album melodisch auch anspruchsvoll ist.
Zweitens, haben wir athmosphärische, stimmungsvolle Stücke, die sich langsam, walzenmäßig in Richtung Höhepunkt aufbauen (Tonight, Domino), um sich dann, wie ein Gewitter zu entladen.
Drittens, passiert im Hintergrund oder in "der zweiten Reihe" sehr viel, was sich beim oberflächlichen Hören nicht bemerkbar macht. Es sind die verschiedenen Sounds, mit denen Herr Tony Banks spielt, die er im Hintergrund quasi "tänzeln" lässt.
Schließlich war Herr Collins ein begnadeter Drummer, der es geschafft hat, lyrisch (Tonight) und trotzdem sehr energisch (Anything She Does) zu trommeln. Außerdem war er auch stimmen-mäßig auf seinem Höhepunkt angelangt. Nie mehr wird er so hoch singen. Auf der folgenden Konzerttournee wurde auch schon hier und da heruntertransponiert (etwa Land of Confusion) und auf der letzten Tour 1992 hat er - soweit mir bekannt - nichts mehr von den älteren Sachen in der Original-Höhe gesungen.
Mit diesem Album ist also ein Spagat gelungen, zwischen kommerziellem und eingängigem Pop einerseits und kristall-klarer, richtungsweisender Produktion, Klangteppichen und großen Emotionen andererseits.
Nein, natürlich muss das nicht jeder mögen aber ich denke, dass hier Qualität geliefert wird.
Eine kleine Schwäche wäre vielleicht, dass dieses Album auf eine "sehr zeitgemäße" Art und Weise die Stimmungen transportiert und sehr, sehr 80-er mäßig daher kommt. Muss aber nicht unbedingt eine Schwäche sein.
Ein GROßER Jammer ist, dass die genialen Stücke "Feeding the Fire" und das rein-instrumentale "Do the Neurotic" nicht auf dem Album gelandet sind. Dies sind vielleicht die BESTEN Stücke der 80-er Genesis!