Wenn man sich heutzutage in ein Kino verirrt muss man viele Bilder über sich ergehen lassen, die nicht das sind, was sie vorgeben zu sein: Menschen, ihre Gefühle, ihre Worte und Handlungen werden sehr häufig besinnungslos instrumentalisiert, um Gewinne zu machen. Nichts gegen Gewinne als solche. Aber wenn damit Worte ihrer eigenen Bedeutung entfremdet werden, Symbole missbraucht, und Menschen ihrer Würde entkleidet werden, dann ist der Preis sehr hoch, eventuell zu hoch.
In solch einem Kontext erscheint der Film 'Invictus' wie eine Botschaft aus einer anderen Welt. Und dies umso
eindringlicher, als es unsere eigene, reale Welt ist, die in diesem Film enthüllt, zu welch wunderbaren Dingen
reale Menschen in einer realen Welt fähig sind, wenn sie ihre normalen Vorurteile, egoistischen Machtgelüste und Ängste überwinden.
Als Südafrika sich aus den Fesseln der Apartheid herausgekämpft hatte und mit Nelson Mandela im Mai 1994 den ersten schwarzen Staatspräsident ins Amt einführen konnte, erschien die Kluft zwischen Weiss und Schwarz schier unüberbrückbar. Die Weissen, die jahrhunderlang nicht nur Grosses in diesem Land geleistet hatten, sondern vielfach auch gegenüber der schwarzen Bevölkerung menschenverachtend gehandelt und gelebt hatten, waren plötzlich eine Minderheit und politisch dem Wohlwollen der schwarzen Bevölkerung ausgeliefert. Mit Nelson Mandela besaß Südafrika jedoch einen Staatspräsidenten, dessen Menschlichkeit und Persönlichkeit in 27 Jahren Gefängnis nicht zerstört worden war, sondern zu einer Tiefe, zu einer Reife gefunden hatte, wie sie nur selten zu finden ist.
Es ist die mitreissende Atmosphäre des Films, dass er den Zuschauer vom ersten Moment an in diese spannungsgeladene Situation mit hineinnimmt und für die Dauer des gesamten Films nicht mehr losläßt. In einer
Aneinanderfügung von alltäglichen, scheinbar belanglosen Szenen, die jede für sich ein kleines Stück des grossen Dramas enthüllen, beginnt man als Zuschauer das Pochen des grossen südafrikanischen Herzens zu spüren. Der heisse Atem von aufgestautem Hass und Wut trifft auf verängstigten, dennoch giftigen Hochmut, Hoffnungen blitzen auf, und die Kamera geht ihren geradlinigen Weg.
Etwa ein Jahr vor der Rugby-Weltmeisterschaft erkennt Mandela, dass das südafrikanische Rugby-Team, die
Springbocks, die von der weissen Minderheit hochemotional positiv, und von der schwarzen Mehrheit hochemotional
negativ besetzt ist, eine Chance sein könnte, die Nation mehr zu vereinen. Und obwohl die Führung des ANC seine
aufgestaute Wut gegen die Weissen noch in einen einstimmigen Beschluss zur Abschaffung dieses verhassten Symbols ummünzt, beginnt Mandela gegen allseitigen Widerstand seine Mission 'Rugby-Weltmeister Südafrika' mit eben diesen Springbocks.
Clint Eastwood hat mit seiner Schnörkellosigkeit und Geradlinigkeit wieder einmal einen Film von einer
Eindringlichkeit und Wucht geschaffen, die seinesgleichen sucht. Nicht zuletzt auch deswegen, weil der Roman, auf dem der Film beruht, ein Wunder beschreibt, wie es nur das reale Leben selbst schreiben kann.