24 Stunden standen uns vor dem Ablehnen eines Auftrags zur Verfügung, um mit verschiedenen Brillen nach einer positiven Ecke zu suchen. Und drei Mal im Jahr durften wir die rote Karte ziehen. Für diese Agenturregeln bin ich meinem Ex-Chef noch heute dankbar. Sie bewährte sich auch bei diesem Buch. Denn nachdem ich den Overkill Seifert’scher Heuschrecken-Metaphorik kaum mehr ertrug, legte ich das Buch zur Seite, suchte 24 Stunden nach neuen Lesebrillen – und wurde fündig. Der richtige Tipp kam einmal mehr von den Neurologen. Genauer gesagt von Gerhard Roth, der die These am heftigsten vertritt, dass Sprache primär zur Rechtfertigung des eigenen Verhaltens diene. Unter diese Brille gelesen wurde das Buch von Werner G. Seifert plötzlich wieder farbig, manchmal sogar spannend. Wie geht ein Spitzenmanager, der sich auf den ersten Seiten als nachdenklichen, sensiblen, Jazz spielenden, Pfeifen rauchenden und guten Wein trinkenden Hüter gesellschaftlicher Regeln darstellt, mit Niederlagen um? Haben Entmachtung und öffentliche Bloßstellung den ehemaligen Chef der deutschen Börse ins Wanken gebracht? Verlässt der Verlierer das Spielfeld nun für immer?
Mit diesen Fragen im Hinterkopf machte ich mich an die Lektüre. Und schließlich war ich dann doch enttäuscht. Nicht weil die Antworten so leicht zu finden waren, sondern weil sie mir fad vorkommen. Klar stehen in Seiferts Brief an die europäischen Finanzminister löbliche Verbesserungen am Regelinventar des globalen Kapitalismus. Doch es sind lediglich Kleinigkeiten und stellen die Kernaussagen des Glaubensmodells nicht in Frage. Wenn der Autor seine Leser daran erinnert, dass er dafür bezahlt werde, nicht empfindsam zu sein, dann soll er dies eben auch sein. Doch dem ist nicht so. Werner G. Seifert schreibt ein Ritterdrama, ohne dramatisch zu sein. Dazu fehlt ihm das Zeug zum Helden, dazu ist die Fallhöhe zu gering. Der unverstandene und verjagte Ritter verliert weder Hab und Gut, noch sein Leben. Die stolze Burg sinkt nicht in Schutt und Asche – und anstelle ergreifender Beziehungsgeschichten finden wir nur ziemlich brave Freundschaftsbekenntnisse. Ich bin nicht gegen Verarbeitungsbücher. Letztlich enthält jedes Buch Spuren biografischer Auseinandersetzungen mit der Welt. Aber bei Werner G. Seifert fehlen mir Distanz und die Zeichen einer persönlichen Wandlung. Noch immer verstrickt in seine soeben erlebte Verletzlichkeit erhebt er Vorwürfe, die den schalen Geschmack des Naiven haben. So wirft er dem Sieger vor, es ginge ihm allein um Macht. Als ob es nicht immer um Macht geht. Macht ist die Zeichensprache, die in Seiferts Berufswelt am schnellsten und besten verstanden wird. Ist sie nur legitim, wenn Herr Seifert sie nicht verliert? Ich hatte erwartet, mehr über den sensiblen Spitzenmanager Werner G. Seifert zu erfahren. Mich hätte ein selbstkritischer Autor mehr interessiert als ein selbstgerechter. Zwar stellt er sich zum Schluss einigen bohrenden Fragen seines Koautors und Freundes Hans-Joachim Voth. Doch sein behagliches Opfer-Täter-Haus will er lieber nicht verlassen. Schließlich ließ er sich nach seinem erzwungenen Abgang von der deutschen Börse bald wieder im Finanzmetier anheuern.
Mein Fazit: Die (zu) persönliche Aufarbeitung einer beruflichen Niederlage deckt viel Ungereimtes auf, macht Außenstehenden die Komplexität der heutigen Finanzwelt etwas anschaulicher, legt den Finger auf hässliche Wunden und bleibt letztlich doch ohne Sprengkraft. Grund: Ein Drama ohne Dramatik ist kein Drama. Und ein Machtspiel ohne Regelverletzungen ist kein Machtspiel. Das sieht der Autor ganz offensichtlich anders.