Nachdem ich mich durch »Birth of a Nation« durchquälen musste, hat mich der ebenfalls dreistündige Nachfolger »Intolerance« wirklich gepackt. Griffith treibt die Entwicklung der Filmsprache weiter voran und ist mit diesem Film seiner Zeit weit voraus. Neben seiner Innovation Machart, protzt der Film mit Bauten, dass es einem selbst heute noch die Sprache verschlägt. Die Proportionen und der Detailreichtum der Kulissen sind überwältigend. Bei eine Szene hat Griffith vom Ballon aus tausende Komparsen dirigiert! Die handlungstragenden Figuren gehen dabei aber nicht in der Materialschlacht unter: die Einzelschicksale stehen im Vordergrund und bieten dem Zuschauer eine Projektionsfläche. Während »Birth of a Nation« ein durchaus rassistisch zu nennendes Plädoyer für den Ku-Klux-Klan ist, steht »Intolernace« für dessen exaktes Gegenteil, nämlich für ein friedvolles Miteinander aller Völker und Schichten und ist in jeder Beziehung seinem etwas tumben Vorgänger überlegen. Griffith schafft es, ein filmisches Denkmal der edelsten menschlichen Ideale zu errichten, in dessen Zentrum zwei starke Frauen stehen. Ein Höhepunkt des Filmes, etwa nach der Hälfte der Spielzeit, ist die Schlacht um Babylon, die man nur monumental nennen kann.
Die vier parallelen Handlungsstränge entfalten sich langsam, wie eine sich öffnende Blume, zu aller Pracht. Die moderne Erzählung sowie die aus den Tagen des vorchristlichen Babylons nehmen den deutlich größeren Platz ein und sind denen aus der Zeit Christi und der im mittelalterlichen Frankreich spielenden deutlich überlegen. Zum Ende hin prescht der Film in einer Parallelmontage dem nervenaufreibenden Finale zu: Jesus wird gekreuzigt, die Hugenotten werden niedergemetzelt, Babylon kurz vor dem Fall und in der modernen Episode gilt es, einen Zug mit dem Automobil zu überholen, um eine Hinrichtung aufgrund eines Fehlurteils zu verhindern.
Die Produktion von »Intolerance« hat damals die unglaubliche Summe von fast zwei Millionen Dollar verschlungen und war damit lange Zeit der teuerste Film weltweit. Seine Kosten hat er nie eingespielt. Entgegen der landläufigen Meinung hat Griffith »Intolerance« aber nicht gedreht, um sich für »Birth of a Nation« zu rechtfertigen, der seiner Meinung nach die Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs objektiv wiedergibt.
Die DVD-Umsetzung ist nicht ganz makellos. Generell ist die Bildqualtiät für einen fast 100 Jahre alten Film gut, es stören - schaut man sich den Film auf einem größeren TV an - manchmal aber digitale Artefakte. Gegenüber der US-Ausgabe von Kino Video ist die deutsche Veröffentlichung an den Seiten leicht beschnitten und das Bild ist weniger scharf. Ärgerlich auch, dass die in der Arte-Ausstrahlung vorhandene neu erstellte Filmmusik nicht den Weg auf die DVD gefunden hat, sondern ein leicht beliebiges Kinoorgelgedudel als Untermalung dient. Das Booklet wiederum ist, wie schon bei »Birth of a Nation«, sehr umfangreich und informativ. Die DVD beinhaltet leider keinerlei Extras. Die deutschen Untertitel sind optional.
5 Sterne für den Film und 4 für die DVD.