Ich kam durch Zufall zu der Band. Wir - mein bester Freund und ich - wollten damals im Alter von 17 Lenzen ein völlig anderes Konzert besuchen... Wir warteten auf den Einlass, Karten hatten wir noch keine, als ploetzlich ein anderer Freund aufkreuzte und sagte "Hey, zwei Kumpels haben abgesagt, wollt' Ihr mit nach Nürnberg - Psychotic Waltz spielen da - wir teilen uns die Spritkohle".
Ich kannte die Band nicht - mein bester Freund schon und war ganz aus dem Häuschen... Also ging ich mit, sein Musikgeschmack war immer auch meiner.
Was ich an diesem Abend erlebte werde ich mein Leben lang wohl nicht vergessen. Psychotic Waltz stellten am 24.10.93 im KOMM in Nürnberg ihr neuestes Machwerk - das hier rezensierte - dem Nürnberger Publikum live vor.
Sicher bin ich wohl eine Ausnahme, den wenigsten wird die Manigfaltigkeit dieses Meisterwerks beim ersten Zuhören klar, aber die unbändige Live-Performance dieser Band tat Ihr übriges, dass ich ihr bis heute hoffnungslos ergeben bin.
Nie wieder hat mich ein Album - die Meilensteine von Dream Theater eingeschlossen - so in seinen Bann gezogen wie es dieser LongPlayer tut. Ich habe die CD schon hundert Male durchgehört, immer wieder fesselt mich der eindringliche Gesang des Buddy Lackey auf's neue, dessen Stimme manchmal vertäumt, fast malerisch ueber die dauernd wechselenden Beats haucht und die - dauernd genialen - Gitarren-Riffs in ihrem Bestreben unterstützt, im geneigten Zuhörer ein Bild zu malen, das jedes Mal auf's Neue in seinem Detailreichtum überrascht. Mit seiner eindringlichen - fast schon schreienden - Stimme unterstreicht er aber mitunter auch die dauernden Taktwechsel; dem geneigten Hobby-Musiker fällt es schwer, diese allein zu zählen.
Ward Evans am Bass macht seine Sache mehr als hervorragend, unterstützt durch Norm Leggio an den Drums wird hier ein Soundteppich gezimmert, der jeder Gefühlsregung, die durch den singenden Philosphen in den Zuhörer implantiert werden will, mehr als gerecht wird. Teilweise füllt man sich überfahren durch die Launen der fünf Jungs, so schnell wechselt die Stimmung von einer Passage in die andere.
Und was die vier zusammen, ganz speziell jedoch Dan Rock und Brian McAlpin an Emotionen in einen einzigen Song legen können, spottet meiner Meinung nach jeder Beschreibung, nachzuhören im Titelsong des Albums "...into the everflow"...
Das hier festgehaltene, zweistimmige Gitarrensolo dürfte für einige Naturen auf diesem Planeten - und ich zähle mich explizit und unumstösslich dazu - zu dem genialsten zählen, was - seit Menschengedenken - die Musikgeschichte je hervor gebracht hat. Nie wieder wurde eine so perfekte Symbiose zweier Musiker - Entschuldigung - deren fünf - für die Nachwelt festgehalten.
Aber schon der Opener "Ashes/Out Of Mind" macht klar, was hier am Werke ist - eine brachial hobelnde Gewalt, die kompromisslos klarmacht, das auf dem Feld des "Progressive-Rock" nur einer den Takt angibt - der psychotische Walzer.
Jeder der sieben (acht?!? - ein Schelm wer böses dabei denkt) Songs hat einen extra-Platz in meinem Herzen erobert und wird den schwerlich nur wieder abgeben. Einzelne Songs hier herauszuheben fällt schwer - in jeder Gemütslage hat der eine oder andere den Favoriten-Status inne, teilweise muss man sich einzelne Passagen mehrere Dutzend male wieder und wieder anhören...
Hat man dieses Album einmal erst liebgewonnen, fällt nur eines schwer - das AUFHÖREN. Zu schön, zu verworren, zu komplex ist die Struktur jedes Songs, man möchte sie ergünden, jedesmal aufs Neue, teilhaben, verstehen was da aus den Boxen quillt - letzteres wird freilich nie gelingen, zu weit entfernt, zu poetisch, zu GENIAL, zu göttlich scheint dieses Werk, um für immer in das Geheimnis seiner Erschaffer eingeweiht zu werden - durch blankes Zuhören wird man aber schnell Teil seiner Existenz, man wird Teil seiner Poesie nur durch das Teilhaben daran. Einfach *SCHÖN*.
Ich komme aus dem Schwärmen nicht heraus, kann mich meinem Vorredner aber nur anschliessen - Es ist so schade, so jammer-schade dass diese Band den kommerziellen Erfolg, der ihr gebürt hätte nie erreichte, und deswegen von uns geschieden ist.
Das uns die fünf Herren ein so monumentales Meisterwerk wie das vorliegende hinterlassen haben - das ganz bestimmt nichts für Otto-Normalverbaucher ist - ist jedoch mehr als ein Glücksfall, mehr eine Offenbarrung für diejenigen, die mit diesem Werk umzugehen wissen und dessen blanke Schönheit zu schätzen wissen.
Eine Bewertung hierfür abzugeben grenzt an Blasphemie, ich werde es dennoch tun - und jedem auch nur ansatzweise Interessierten raten, sich diese Scheibe zuzulegen!
Viel Spass damit den "beglückten".