Genie oder Handwerk ' was macht den guten Journalisten aus? An dieser Frage scheiden sich noch immer die Geister, aber eigentlich ist sie entschieden: Es braucht beides, Talent und Geistesblitze sowieso ' und ohne Handwerk geht heute in den Redaktionen gar nichts mehr. Auf dieser Linie argumentiert auch das Buch von Mario Müller-Dofel 'Interviews führen'. In ruhigem Ton und sehr systematisch führt der Autor alle, die Wortlaut-Interviews führen, durch die Stromschnellen des Genres.
Als Dozent in der journalistischen Weiterbildung halte ich das Thema für hoch relevant, weil das Wortlaut-Interview Karriere gemacht hat. Vor dreißig Jahren noch wenig genutzt, ist diese journalistische Gattung heute hoch angesehen. Interviews druckt der Lokalteil der Regionalzeitung, jeder Special Interest-Titel, jedes Fachmagazin und sogar die 'Bäckerblume'. Längst nicht alle Journalisten erhalten aber ein solides Training für diese schwierige Form. Mario-Müller-Dofel, Ressortleiter beim Springer-Wirtschaftsmagazin 'Euro', bietet mit 'Interviews führen' die Chance, eigene Lücken zu schließen und andere beim Lernen anzuleiten. Er zeigt Schritt für Schritt, worauf es ankommt beim Fragenstellen. Vor allem macht er klar, dass Interview-Qualität nicht bloß in den paar Minuten des Gesprächs selbst entsteht. Themenstellung, Kontaktaufnahme, Vorbereitung, Bearbeitung, Autorisierung ' alle diese Schritte bergen Tücken. Und ebenso Möglichkeiten, den Text besser zu machen. 'Entscheidend für die Interviewqualität ist vor allem, wie die Journalisten mit ihren Informanten umgehen', schreibt Müller-Dofel, und bringt damit die komplexe Kurzzeitbeziehung zwischen Fragensteller und Antwortgeber auf den Punkt.
Dabei ist seine Argumentation so klar, dass er auf Widerstand stoßen dürfte. So widerspricht Müller-Dofel denjenigen, die eine Abschaffung der Autorisierung fordern und lieber zu anglo-amerikanischen Bräuchen übergehen möchten ('Es gilt das gesprochene Wort'). Weder der Redakteur noch der Interviewpartner, etwa ein Politiker, dürfen nach diesem Prinzip mehr als Kleinigkeiten ändern, wenn das Mikro erst ausgestellt ist. Müller-Dofel hingegen erklärt detailliert, wie Profis die Autorisierung nutzen, um einen spannenden und präzisen Wortlauttext zu erzeugen. Notfalls müssen sie dafür hart verhandeln.
Müller-Dofel hat ein besonderes Händchen dafür, die psychologische Seite des Interviewgeschehens zu erschließen '' mit guten Beispielen und viel Praxiswissen. Dass manchmal auch Genie im Spiel ist, wenn es dem Interviewer gelingt, sein Gegenüber entscheidend aus der Reserve zu locken, verschweigt Müller-Dofel nicht. Sein gelungenes Buch bietet aber auch weniger begabten Interviewern die Grundlage, gute Dialogtexte zu erzeugen. Einigen wenigen bietet es das Sprungbrett zur Exzellenz.
Einzige Gefahr: Der ein oder andere Psychotrick könnte auch missverstanden werden, und das ginge dann auf Kosten der Authentizität. So empfiehlt Müller-Dofel, einen besonders verschlossenen, von Pressestellen-Bulldoggen bewachten Konzernlenker Schritt für Schritt zu entwaffnen, indem man sich für eigentlich Selbstverständliches Erlaubnisse einholt. Etwa: 'Ist es für Sie okay, wenn ich ab zu Zwischenfragen stelle?' Moment mal, was wäre, wenn die Antwort 'Nein' lautete? Vertrauen aufzubauen ist das eine ' aber zu fragen, ob er fragen darf, das steht keinem Journalisten gut an.
Christian Sauer, www.christian-sauer.net