Ich habe den Film seinerzeit mehrmals im Kino gesehen und auch heute noch gehört er zu meinen absoluten Lieblingsfilmen.
Im Gegensatz zu so manch anderen Vampirfilmen der letzten Jahre ("Blade", "Underworld", "Van Helsing") setzt "Interview mit einem Vampir" nicht auf pures Gemetzel im Matrix-Stil, sondern baut voll und ganz auf einer Handlung auf, die vom Roman nur im geringen (und somit erträglichen) Maße abweicht. "Interview mit einem Vampir" spielt für mich in einer Liga mit Francis Ford Coppolas "Dracula"-Verfilmung: üppiges Dekor, barocke Kostüme, großartige Schauspieler und ein stimmiger Soundtrack; beide Filme sind eher Drama als Horrorfilm.
Man muß nicht unbedingt die komplette Chronik der Vampire von Anne Rice gelesen haben (die zudem in ihren letzten Bänden auch arg zu wünschen übrig ließen), um diesen Film zu mögen. Im Gegensatz zu der grauenhaft schlechten "Königin der Verdammten"-Verfilmung mit R'n'B-Sternchen Aaliyah , die auf dem dritten Roman basiert und den zweiten -fürs Verständnis so wichtigen- Band vollkommen negiert, steht die Geschichte von "Interview mit einem Vampir" für sich alleine und ist in sich abgeschlossen.
Der Film weicht vom Roman nur in kleineren Passagen ab, ist also ziemlich werkgetreu, und -für mich als Freundin schwelgerischer Kostümfilme- grandios ausgestattet. Alle weiblichen Zuschauer dürfen sich über eine äußerst schmucke Darstellerriege freuen, allen voran natürlich Brad Pitt als Louis und Tom Cruise als Lestat.
Brad Pitt ist ein ungemein sensibler Louis, der es vor allem durch seine Blicke schafft, daß der Zuschauer die innere Zerrissenheit seines Charakters begreifen lernt. Hin- und hergerissen zwischen Liebe, Hass, dem moralischen Konflikt seines Vampirdaseins, Claudia und Lestat (tatsächlich gibt es mehrere homoerotische Momente im Film, nicht nur zwischen Cruise und Pitt) zeichnet Pitt das Bild eines unsterblichen Vampirs, der lieber ein sterblicher Mensch geblieben wäre.
Tom Cruise als Lestat liefert mit dieser Rolle eindeutig die bis dato beste darstellerische Leistung seiner gesamten Karriere ab. Ja, Lestat ist der "böse" von den beiden, und man merkt Cruise deutlich an, daß er Spaß an dieser für ihn doch ein wenig ungewohnten Seite hatte. Gleichzeitig stattet Cruise seinen Lestat aber auch mit einer gehörigen Portion Sarkasmus und Humor aus ("Claudia... you have been a very, very naughty girl"), daß es eine Freude ist. Hätte man nach dem Erfolg von "Interview mit einem Vampir" gleich auch noch die anderen Romane mit Cruise als Lestat besetzt, so wären diese Filme sicherlich auch allesamt Blockbuster geworden. Vergeßt Stuart Townsends blasse Darstellung Lestats in "Die Königin der Verdammten", Cruise ist der wahre Film-Lestat.
Eine besondere Entdeckung ist auch die damals gerademal 12jährige Kirsten Dunst als Claudia. Fast schon beängstigend, wie sie es in ihrem jungen Alter schafft, eine Frau im Körper eines Kindes zu spielen. Auf der einen Seite zerbrechlich-zart, auf der anderen Seite eine eiskalte Mörderin ohne Skrupel, ein bemerkenswertes Talent.
Antonio Banderas spielt den Armand als sinnlichen Dämon, der ähnlich wie Louis, wenn auch nicht so offensichtlich an seinem unsterblichen Leben zweifelt. Und zumindest in der englischen Originalfassung wartet er mit einem herrlichen Latin-Lover-Akzent auf. ("Remember my name. Armand.")
Einzig Stephen Rea als Santiago kommt nicht allzu gut weg, was meines Erachtens aber daran liegt, daß seinem Charakter einfach zu wenig Zeit gelassen wird, um sich im Film zu entfalten. Schade, aber verzeihlich.
Was mich an diesem Film erstaunt hat, war das unglaublich gute Zusammenspiel zwischen Originalfassung und Synchronisation. "Interview mit einem Vampir" ist einer der wenigen Filme, wo es egal ist, ob man sich nun die englische oder die deutsche Fassung ansieht. Nicht nur, daß die deutschen Stimmen den englischen sehr ähnlich sind, auch die Übersetzung ist als gelungen zu betrachten.
Die "Special Edition" wartet des weiteren mit einem Feature, "Im Schatten des Vampirs", auf, einem Making-of zum Film, das allerdings scheinbar erst für die DVD gedreht wurde, da man Brad Pitt in Archivaufnahmen aus der Mitte der 1990er Jahre sieht, während die Interviews u.a. mit Autorin Anne Rice noch relativ neu zu sein scheinen. Wer etwas mehr über den Film, die Romane von Anne Rice und die Umstände der Entstehung des Films wissen möchte, ist mit diesem Making-of gut bedient.
Fazit: "Interview mit einem Vampir" ist einer der besten Vampirfilme aller Zeiten, kein brutales, von Spezialeffekten dominiertes Gemetzel, sondern in allererster Linie ein Drama mit wirklichen Charakteren, grandioser Ausstattung und durch die Bank weg tollen Darstellern. Unbedingt kaufen!