Irgendwann habe ich mal ganz dreist gesagt: ohne Anne Rice keine Buffy, keinen Angel, kein "Underworld" und auch sicher keine Stephenie Meyer. Der Protest war vorhersehbar, aber ich stehe dazu: hätte Anne Rice nicht dieses Buch geschrieben, wären Vampire heute nicht (wieder mal) so populär und hätte es nicht diesen "Schnitt" gegeben, dass der Vampir vom Monster und Untoten zum smarten Liebhaber und Actionhelden wurde.
Zur Schulzeit war ich schon Vampirfan und einer meiner Lieblingsfilme war der alte "Dracula" mit Christopher Lee. Aber dort waren natürlich die Verhältnisse noch klar: Dracula war der Bösewicht, die Vampirjäger die Guten. Von einem Vampir gebissen oder gar selbst zu einem Vampir gemacht zu werden, das war grauenhaft und mir gruselte es ordentlich, jedes Mal, wenn Dracula auftrat.
Als ich dann irgendwann durch eine Empfehlung in einer Zeitschrift auf "Gespräch mit dem Vampir" (so hieß das Buch damals noch) stieß, war ich auf den ersten Seiten wirklich ehrlich sehr verwirrt. Es wirkte absolut bizarr und gleichzeitig faszinierend wie hier der Vampir selbst (namens Louis, dass er auch noch Pointe du Lac heißt, das hat Rice tatsächlich erst in späteren Bänden dazu gestellt) ganz nüchtern über sein Leben als Mensch, seine Umwandlung (er will aus einer ziemlich schrägen Selbstbestrafungsmanie heraus Vampir sein), seine ersten Opfer (so nach dem Motto: "tja, ich musste ja dann wohl mal loslegen mit dem Töten, nicht wahr?") und seine zu späte Erkenntnis, dass seine Entscheidung eine totale Katastrophe war, denn Vampirsein, das ist doch noch eine schlimmere Hölle, als er vermutet hatte. Außerdem geht ihm sein "Schöpfer" Lestat, ein angeberischer Gernegroß, der im Vampirdasein wohl die Erfüllung seiner narzisstischen Persönlichkeit gefunden hat, mehr und mehr auf die Nerven.
Anders als Lestat sucht Louis nach Alternativen, akzeptiert sein Schicksal irgendwann nicht mehr einfach und versucht eine Weile, zu existieren ohne Menschen zu töten (alles das wurde später von Stephenie Meyer und Joss Whedon übernommen, auch hier leben Edward und Angel von Tieren und Blutkonserven). Zudem würde er gern reisen, die Welt sehen, doch Lestat hat eben keine Lust dazu und hängt wie ein quengeliges Kind an seinem "Freund", der es nicht über sich bringt, seinen "Schöpfer" einfach allein zurückzulassen.
Ich weiß, dass Louis später und vor allem in der Verfilmung zu einem ziemlichen melancholischen Trauerkloß wurde, der vor allem mit einem trüben Dackelblick vor sich hin leidet. Aber hier im Buch ist er noch ein anderer, ein oft sehr zynischer Mistkerl mit Neigung zu gewalttätigen Wutausbrüchen (der dem Lestat der späteren Bücher gar nicht so unähnlich ist), der große Stücke auf sich selbst hält und letztlich (so endet das Buch auch, aber kein Sorge, dies verrät nicht zu viel) als "einsamer Wolf" am besten zurecht kommt.
Man kann Louis nicht wirklich lieben (nicht in diesem Buch, später hat er sicher einen "Gutvampir"-Faktor, denn er entdeckt plötzlich Angel-mäßig seine sanften Seiten), aber man ist doch fasziniert von der Wilde-artigen Dekadenz seiner Erzählung, die auch immer wieder in oft geradezu poetischen inneren Monologen gipfelt (so was liebt oder hasst man eben - mir gefiel Louis' Zwang zur ständigen Reflexion ganz gut).
Wohl als Ventil für die Trauerarbeit nach dem tragischen, viel zu frühen Krebstod ihrer Tochter Michelle spinnt Rice auch die Geschichte eines Vampirkindes ein. Claudia wird mit erst 5 Jahren von Lestat teils aus Übermut, teils aus dem Wunsch heraus, Louis an sich zu binden, zum Vampir gemacht. (Lestat hat erkannt, dass Louis trotz seines Zynismus auch eine verantwortungsvolle Seite hat, warum sonst hätte er sich noch ewig um seinen kranken, alten Vater gekümmert, der nicht wusste, dass sein Sohn ein Vampir war. Mal ehrlich, geht es noch abgedrehter???) Im Laufe der Geschichte spielt Claudia eine große Rolle, als Louis und Lestat quasi um sie kreisen, als würden sie wie Engel und Teufel um ihre Seele kämpfen. Bis zu dem bitteren Ende.
Ein wohl einzigartiges Werk der Vampirliteratur, dass selbst Rice persönlich später nicht mehr einholen konnte (die weiteren Bände der Chronik sind weitaus konventioneller) und das sicher in einer anderen "Liga" spielt als "Bis(s)" oder sonstige neuere Werke, in denen Vampire doch in erster Linie gut aussehen und/oder verdammt cool sind. ;-)