Das Buch von Herrn Becker erfüllt ein längst fälliges Desiderat bezüglich der allzu häufig erwähnten, doch nie genauer untersuchten "Internetzensur" in China. Er erläutert präzise die engen Verflechtungen zwischen Staat, Partei und ausgeübter Zensur und die unzähligen Organe, die das Gebilde der "Internetzensur" darstellen. Einen wichtigen Einblick gewährt er auch bezüglich der chinesischen Medienlandschaft und des Status des Journalismus innerhalb der chinesischen Gesellschaft. Auch die technischen Aspekte, wie Zensur aufrecht erhalten und umgekehrt umgangen wird, kommen nicht zu kurz. Spannend ist zudem zu erfahren, wie und an welchen Stellen Kontrolle ausgeübt wird - und ob diese überhaupt bewahrt werden kann. Das Buch verdiente eigentlich die volle Bewertung, wenn nicht einige Details diese umfassende und äusserst nützliche Darstellung stören würden.
Bereits ein Blick auf die Bibliografie zeigt, dass der Autor offenbar des Chinesischen nicht mächtig ist. Als fliessend Chinesisch beherrschende Userin macht sich dieser Mangel als grosser blinder Fleck durch das ganze Buch hindurch bemerkbar. Es wurden zwar Quellen von chinesischen Autoren verwendet, doch nur in englischer Fassung. Ich vermisste chinesischsprachige Werke, denen ich zwecks eigener Recherchen folgen konnte, denn es gibt durchaus viele ChinesInnen ausserhalb Festlandchinas, die sich ebenfalls mit dem Thema in ihrer Sprache befassen. Selbst bei inländischen Quellen wurde stets die englische Version gewählt (etwa von Xinhua). Zudem werden sämtliche chinesischen Namen, Titel, Begriffe in ihrer Übersetzung erwähnt, jedoch nicht in ihrem originalen Wortlaut. Das erschwert eine Rückverfolgung massiv. Es hinterlässt den Eindruck, der Autor beschreibt zwar eine Welt und ihren Zustand, kann sie jedoch aufgrund sprachlicher Hürden nie ganz betreten. Schade auch, dass trotz einer so nützlichen Arbeit auffällig viele Schreibfehler auftreten. Ein weiterer Wermutstropfen sind die Grafiken, bei denen hellere Grautöne aufgrund des Abdrucks sehr schlecht sichtbar sind. Die Bibliografie wiederum ist aufgeteilt in fast zu viele verschiedene Bereiche (Quellen/Monografien/Artikel/etc.), womit Referenzen im Haupttext erst mit einer aufwendigen Blätteraktion wiedergefunden werden können.
Trotzdem bildet das Buch eine lang ersehnte, detaillierte Studie über die Internetzensur Chinas, sowohl in technischer als auch politischer Hinsicht. Das chinesische Sprachmanko ist zwar ein sehr bedauerlicher, aber in Anbetracht der Gesamtleistung verschmerzbarer Anteil.