Zu diesem vernichtenden Urteil kommt der brutale und verbitterte Polizeiinspektor Jerry Lynch (Colm Meaney) über den gewissenlosen Kleinkriminellen Lehiff (Colin Farrell), der keinerlei Respekt gegenüber den Clannad-CDs zeigt, die er in dem Auto findet, das er Lynch gestohlen hat. Keine Angst, auch wer keine keltische Seele besitzt kann an John Crowleys kleinem, aber feinem Film "Intermission" (2003) seine helle Freude haben, wenngleich sich der optimale Genuß über diesen Film sicher erst in der Originalfassung mit ihrem irischen Dialekt einstellen dürfte.
"Intermission" fängt ganz gemächlich und scheinbar ziellos an, denn Crowley führt zunächst einmal der Reihe nach seine Haupt- und Nebenfiguren ein - obwohl diese Unterteilung bei diesem Film recht schwierig ist, stehen hier doch viele Schicksale in der Darstellung fast gleichberechtigt nebeneinander. Da gibt es den harten Gelegenheitskriminellen Lehiff, der sich gleich zu Beginn auf eine Art und Weise beim Zuschauer vorstellte, die mich an der FSK-12-Bewertung zweifeln ließ*. Da ist sein Widersacher Lynch, der zusehends an seinem Ekel gegenüber der Welt des Verbrechens zu krepieren droht und dessen schlecht kontrollierte Aggressionen ihn zu einer tickenden Zeitbombe machen. Da ist der TV-Reporter Ben Campion (Tomas O'Suilleabhain), der es satt hat, langweilige Dokus über piefige Karnickelzüchter zu drehen. Da ist der Supermarktangestellte John (Cillian Murphy), der unter Liebeskummer leidet, weil seine Freundin Deirdre (Kelly MacDonald) nach einer von ihm vorgeschlagenen Beziehungspause sich den verheirateten Bankmanager Sam (Michael McElhatton) geangelt hat. Da ist Sams verlassene Ehefrau Noeleen (Deirdre O'Kane), die in ihrer neuen Situation mehr und mehr ihre selbstbewußte, nein gewaltbereite Seite entdeckt. Da ist Deirdres Schwester Sally (Shirley Henderson - spielerisch hier meine absolute Favoritin), die an einem traumatischen Erlebnis und einem Damenbart leidet. Da ist Johns Freund Oscar (David Wilmot), der endlich mal wieder Sex haben möchte. Ferner sind da Mick, ein rüder Busfahrer, Maura, eine verständnisvolle Mutter, Mr. Henderson, ein tyrannischer, in Amerikanismen redender Supermarktvorgesetzter und ein Junge, der Steine in die Windschutzscheiben von Bussen und Autos wirft.
Und aus all diesen Charakteren - und noch einigen mehr - knüpft Crowley mit viel Liebe zum Detail einen faszinierenden Mikrokosmos, in dem sich Verhängnis und purer Zufall die Klinke in die Hand geben - etwa wenn John und Mick sich mit Lehiff zusammentun, um Geld aus Sams Bank zu erpressen, oder sich Lynch und Campion verbünden, um eine Doku-Soap über Verbrechensbekämpfung in den Slums von Dublin zu drehen. Crowley entwirft seine Figuren mit untrüglichem Blick für das Absurde, das im Alltagsleben ruht, ohne sie jedoch zu Karikaturen zu degradieren (von Mr. Henderson einmal abgesehen). Dabei gelingt es ihm sowohl, emotionale Momente ohne das Pathos typischer US-Komödien zu inszenieren - etwa wenn Sally und ihre Mutter ein kathartisches Gespräch führen -, als auch den gepflegten irischen Humor zur Geltung kommen zu lassen. Meine Lieblingsszene in punkto Humor ist die, in der Noeleen in einer Psychologievorlesung auf einen behäbigen dicken Mann losgeht, der den Professor mit nicht zum Thema gehörenden Fragen über Traumdeutung nervt.
Unter anderem streift "Intermission" - wie der ansonsten völlig unverständliche Titel nahelegt - immer wieder die Frage nach dem Einfluß des Massenmediums Film auf den Menschen. Zum einen geschieht dies durch sehr behutsame Anspielungen auf Filme - der Anfang etwa erinnert an den Stil Tarantinos, wenn Lehiff den Tresenphilosophen herauskehrt und sich seine Worte "You just never know what's gonna happen" gegen ihn selbst kehren. Zum anderen wird das Verhalten der Charaktere durch Medien gesteuert. Da ist Lynch, dessen Brutalität ungeahnte Ausmaße annimmt, wann immer er Campions Kamera auf sich ruhend weiß. Er stilisiert sich zum Dirty Harry Dublins, würde sich aber, gingen die von Campion gezeigten Bilder auf Sendung, zweifellos sein eigenes Karrieregrab schaufeln. Oder nehmen wir den Fall Sallys: Fortwährend wird sie von ihrer Mutter wohlmeinend, von anderen weniger zartfühlend, auf ihren Damenbart hingewiesen, erkennt ihren Schönheitsfehler aber erst, als sie sich in einer TV-Dokumentation reden sieht, in der es Campion trotz Anwendung des "heroic angle" nicht gelungen ist, Sally in ein vorteilhaftes Licht zu rücken. Auch John verfällt unvermittelt in das Gebaren eines TV-Helden, nämlich dann, als er Henderson eine Konservendose an den Kopf wirft und unter dem Jubel der umstehenden Angestellten und Kunden - verhaltener Jubel zunächst, der dann allerdings durch Gruppendynamik wächst - in die vom Medium Film genau definierte Pose eines Befreiers verfällt, auf dem Kassenlaufband herumstolziert und ungeschickterweise herunterfällt, was der Kassierin ein "F*cking eejit" entlockt und die 10 Sekunden seines Ruhms beendet.
Kurzum, "Intermission" ist ein Film, der trotz seines Mäanderns eine ruhende Mitte hat und sich harmonisch zu einem Ganzen abrundet. Wie gesagt, eine keltische Seele ist für den Genuß dieses Juwels nicht vonnöten, aber man sollte, um diesen Film zu lieben, Freude am feinen, versteckten Humor, eine Menge Geduld, Interesse an mehrdimensionalen Figuren sowie eine gewisse Toleranz für derbe Sprache mitbringen. "Intermission" ist endlich mal eine Komödie, die diesen Namen verdient.
* Allerdings nur in dieser Szene; auch wenn ich glaube, daß der feine Humor dieses Filmes sich nicht unbedingt einem 12jährigen erschließen dürfte.