Neal Stephenson, vor allem durch seinen Cyberpunk-Klassiker Snow Crash bekannt, hat Interface aus gutem Grund ursprünglich unter dem Pseudonym Stephen Bury veröffentlicht ' gemeinsam mit seinem Onkel J. Frederic George (tatsächlich der Historiker George Jewsbury.. daher rührt das Bury im Pseudonym) geschrieben, ist ein vergleichsweise linearer Thriller, der wenig mit Stephensons oft barock-komplexen und auch etwas hipperen eigenen Werken gemein hat. Der Aufbau folgt der Logik von Crichton- oder King-Büchern (minus dem Horrorelement), führt eine ganze Anzahl von Figuren und narativen Situationen ein, die schließlich zusammen zum Crescendo der Geschichte führen.
Die Geschichte dreht sich um Senator William A. Cozzano, der nach einem Schlaganfall einen hochexperimentellen digitalen Chip eingepflanzt bekommt. Was er nicht weiß: Hinter der Entwicklung des Chips steckt eine mächtige Gruppe von Industrieführern, die mit unfassbarem Aufwand gezielt möglich machen, dass Cozzano diesen Chip erhält, um ihn zum Präsidenten der USA machen zu können. Denn der Chip ermöglicht das Feedback einer 100 Personen umfassenden Panel-Gruppe direkt zurück zu Cozzano. Was immer er im TV sagt und tut, sein Wahlkampfleiter bekommt sofort biometrisch die Reaktion einer ausgewählten Testgruppe und kann seinen Kandidaten live und direkt reagieren lassen. Um diese vergleichsweise einfache Idee entwickeln die beiden Autoren auf über 600 Seiten eine Art Frank-Capra-on-Acid-Plot, eine Mischung aus Terminator und Primary Colors, Machurian Candidate und Demokratiegeschichtsstunde. Der SF-Touch ist sehr gering ausgefallen und eigentlich nur wirklich störend ist hier die Idee von The Network, einer düsteren Unternehmergruppierung, die die Politik der USA zu kontrollieren versucht ' ein klares Zugeständnis an den Thriller-Aspekt des Buches und wichtig, um die Story in Gang zu bringen und die Finanzierung plausibel zu machen, aber irgendwie ein wenig zu sehr aus einem schlechten TV-Plot entsprungen. Ähnlich grobmotorisch ist die Figur der Eleanore Richmond, die nur allzu offensichtlich die Verkörperung des American Dream ist ' von der Bag Lady zur First Lady. Die Story fühlt sich an wie eine Kinohandlung für einen Sommerblockbuster, in dem auf Hängen und Würgen am Ende noch Action sein muss. Wirklich gut tut das dem Buch meist nicht, das sich durch diverse an den Haaren herbeigezogene Plotwendungen, Abstrusitäten und ein fast schon wieder famos surreal anmutendes Deux-ex-machina-Ende sicherlich eigentlich eher als Buch für Bahnreisen oder Strandurlaube empfiehlt.
Während die Handlung also zwar fesselnd, aber auch erschreckend leichte Kost ist ' inklusive einem Attentäter, der Cozzano sehr rabiat zu «befreien» versucht ' besticht das Buch nicht nur durch die ausgedehnte Detailbeschreibungen, sondern vor allem durch einen überzeichneten Einblick in die Taktiken von Wahlkämpfern, Pollstern und Spin Doctors. Der wahre Reiz von Interface ist, dass hinter dem Bahnhofsbuchhandlung-Plot eine giftspritzende Satire stattfindet über Zielgruppen, Umfragewerte und Politiker, die von ihren Beratern und Medienprofis ferngesteuert sind. Das die amerikanische, aber auch die deutsche Wirklichkeit da längst soweit ist, beweist nicht zuletzt ein Kanzler, der aus der BILD zu erfahren glaubt, was das Volk denkt. Der Clou des Buches ' das Cozzano sich kurz vor der Wahl aus dem Rat Race um die Präsidentschaft nimmt und seinen Ekel über die verzweifelte Stimmenjagd zum Ausdruck bringt' und zwar genau auf Anraten seiner Wahltruppe, die dank ihrer High-Tech-Methoden genau weiß, dass nur so die Wahl zu gewinnen ist ' führt wunderbar ins Surreale: Selbst der Rückzug aus der Werbung dient der Werbung.
Unter der eher ein wenig unspektakulären Thriller-Karosse verbergen Stephenson und George also durchaus dem Background beider Autoren zustehenden sozialen Kommentar, der, obwohl 10 Jahre alt, eben auch zur letzten Präsidentschaftswahl allzu gut passte ' und der mitunter den wahren Spannungsbogen eines Buches ausmacht, dessen größtes Problem vielleicht ist, das auf dem Klappentext bereits der Clou verraten wird, das Buch aber hunderte von Seiten braucht, um dorthin zu gelangen. Die besten Szenen des Buches widmen sich nicht der neurologischen SF-Schiene oder der Thriller-Handlung, sondern behandeln ' verzerrt ' die Verzahnung von Marketing und Wahlkampf, die Frage nach Moral in der Politik und inwieweit man in diesem Geschäft noch authentisch sein kann, darf oder sogar muss. Dass am Ende die schwarze Eleanore Richmond als anständigste Figur des Buches durch Eulenspiegelei, Zufall und Glück wirklich die Präsidentin wird, ist eine vielleicht zu optimistische Botschaft ' so viel Capra-esques Happy End muss wohl sein -, aber die Tatsache, dass die beiden Autoren, um zu diesem Schluss zu kommen, nahezu Kriegsrecht über die USA verhängen müssen, um die Verflechtung von Wirtschaft und Politik zu bereinigen, schafft einen zynischen und ernsten Unterton am Schluss, einen wunderbar mandeligen Zyankalikern in der oft allzu klebrigen Zuckerwatte des Bestseller-Plots.