In einer immer komplexer werdenden Welt wird Wissen über sie stetig weniger Aufgabe einer Person, einer Gruppe oder einer Wissenschaft. Vielmehr verlangt bereits die Anzahl der Wissenschaften und ihrer Spezialisierungen Verknüpfungen untereinander und längst ist die Zeit vergangen, in der ein Universalgelehrter fachlich adäquate Antworten zu unterschiedlichen Fachrichtungen geben konnte.
Vielleicht war Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) der letzte typische Universalgelehrte und Herrmann von Helmholtz (1821-1894) der letzte Wissenschaftler mit umfassenden naturwissenschaftlichen Kenntnissen.
Aber wo stehen wir heute? In einer Zeit, in der es neben einer Physikalischen Chemie auch eine Chemische Physik gibt und über eine Biophysik und Biochemie hinaus sogar eine biophysikalische Chemie existiert. Wenn die Verquickungen unter Wissenschaften selbst zu wissenschaftlichen (Inter)Disziplinen werden, ergeben sich - wie so oft bei Neuerungen - eine Fülle von Fragen und Herausforderungen, die nicht unberücksichtigt bleiben dürfen und Klärung, zumindest aber Diskussion verlangen.
"Interdisziplinarität" heißt ein Leitgedanke unserer Zeit, an dem wir uns zukünftig orientieren müssen, wollen wir nicht in einem Meer voller Irrtümer und Missverständnisse leben, indem wir uns vor allen Wechselwirkungen mit anderen Fachgebieten verschließen und uns an der Ordnung der eigenen eingegrenzten Fachrichtung laben. So einfach war die Welt bisher nicht und wird es sobald auch nicht werden.
Dieser Einsicht tragen die Autoren (neben den Herausgebern auch Gerhard Vollmer, Uwe Voigt, Hilary Kornblith u.a.) vollends Rechnung. Es werden Ansätze aus der Perspektive der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie erörtert, als auch Fragestellungen aus der Naturwissenschaft und Ethik. Ein weites Spektrum; möchte man meinen. Dennoch ermöglichen die Aufsätze einen - meiner Meinung nach - guten Überblick zum aktuellen Stand der Diskussion. Den Aufsätzen folgen umfangreiche Literaturvorschläge und somit gute Möglichkeit zur Vertiefung im Studium.
Studenten dürften bei dem stolzen Preis allerdings kaum Zielgruppe sein.