An einer anderen Stelle hatte ich kürzlich kritisch bemerkt, daß auch die Fachbücher über Intelligenz immer weniger intelligent werden, da sie sich an den sinkenden mittleren IQ der Abiturienten und Studenten anpassen müssen. Das gilt für dieses Buch mit Sicherheit nicht. Auf einen brillanten Auftakt (Kapitel 1), in dem Laien- und Expertenmeinungen in ihrem Verständnis von "Intelligenz" gegenübergestellt werden, folgt im ersten Viertel des Textes (Kapitel 2) die kritische Darstellung der bekanntesten Intelligenz- bzw. Intelligenzstrukturtheorien des vergangenen Jahrhunderts, also Spearman, Thurstone, Cattell, Horn, Carroll, Jäger und Meili bis hin zum lächerlichen Guilford. Die zentrale Bedeutung des Spearmanschen Generalfaktors der Intelligenz wird dabei klar und unmißverständlich herausgearbeitet, auch die weltweite Einigkeit unter den führenden Differentiellen Psychologen in diesem Punkt. Der Verfasser profitiert in diesem Kapitel von seiner jahrzehntelangen Tätigkeit als Hochschullehrer und faßt Bekanntes zusammen.
Glanzvoll ist Kapitel 3, in dem Rost die sogenannten "alternativen" Theorien auseinandernimmt. Die "Soziale Intelligenz" von Thorndike, die tausend "Multiplen Intelligenzen" von Gardner, die "Emotionale Intelligenz", die "Praktische Intelligenz" der dreiarchigen Theorie Sternbergs, die gescheiterte "Operative Intelligenz" Dörners, alle diese Theorien sind, sofern sie diese Bezeichnung überhaupt verdienen, nicht durch empirische Befunde gesichert und schlicht und einfach Unsinn. Und dennoch füllen die Bücher mit diesen Titeln die Buchläden, werden massenhaft verkauft und insbesondere von Lehrern mit Begeisterung aufgegriffen, wie Rost bestätigen muß. Wie kommt es, daß in den "letzten 15 Jahren" wie Rost schon im allerersten Satz seines Vorworts schreibt, der Unsinn gegenüber der soliden Wissenschaft in der breiten Öffentlichkeit zunehmend an Boden zu gewinnen scheint? So betrachtet, schreibt Rost als seriöser Wissenschaftler gegen den Zeitgeist. Aber warum entwickelt sich das so?
Mit dem Testen des IQ wird in allererster Linie der Spearmansche Generalfaktor der Intelligenz gemessen. Mit Skalierung und Meßtheorie befaßt sich Kapitel 4. Auf S. 156 finden wir die Tabelle, mit der IQ, PISA-Werte und Prozentrangwerte ineinander umgewandelt werden können. Noch 2002 war von allen deutschsprachigen Fachzeitschriften eine Originalarbeit abgelehnt worden, die diese Umwandlung von PISA-Werten in IQ zum Gegenstand hatte. Inzwischen ist das durch die Arbeiten von Heiner Rindermann und anderer internationaler Standard und findet sich - wie man sieht - jetzt sogar in einschlägigen Monographien. Nur taucht der Begriff "Intelligenz" in den PISA-Berichten, z. B.
PISA 2006: Die Ergebnisse der dritten internationalen Vergleichsstudie, kein einziges Mal auf. Warum nicht?
Rost ist im deutschen Sprachraum der Hochbegabungsforscher mit der größten Erfahrung, siehe
Hochbegabte und hochleistende Jugendliche: Befunde aus dem Marburger Hochbegabtenprojekt. Er ist der entschiedenen Auffassung (in Teil 4.3. des Buches), daß Hochbegabung einen sehr hohen IQ voraussetzt, Kreativität und Lebensleistung aber darüber hinaus auch von Persönlichkeitsfaktoren und Umständen abhängen, die unabhängig vom IQ wirken können.
Ein Teiltest sehr vieler Intelligenztests ist die Messung der Gedächtnisspanne, d.h. die Menge von einsilbigen Worten oder Zahlen, die der Getestete in seinem Gedächtnis behalten und wieder abrufen kann. Auch beim hochintelligenten Erwachsene sind das (ohne Tricks) nicht mehr als neun Elemente, beim Durchschnittsbürger meist nur fünf. Nicht wenige Forscher sehen deshalb die Kurzspeicherkapazität des Arbeitsgedächtnisses als den Kern der Intelligenz an (dargestellt in Teil 4.4.), z. B auch
Arbeitsspeicher statt IQ. Testen Sie Ihre geistige Fitness. Mit Trainingsprogramm. Auf S. 254 des Buches
The G Factor: The Science of Mental Ability (Human Evolution, Behavior, and Intelligence) kann man die Formel dafür lesen: Kurzspeicherkapazität (gemessen in bits) = Informationsverarbeitungsgeschwindigkeit (bits pro Sekunde) x Gedächtnisspanne. Diese von Helmar Frank in Anlehnung an Shannon schon 1959 gefundenene Formel und Idee hat vielfache Anwendungen gefunden, mit und ohne Zitierung ihres geistigen Ursprungs. Rost weist an dieser Stelle zwar auf den Brückenschlag hin, der von der Gedächtnisspanne zu Fragestellungen der Allgemeinen Psychologie führt, deutet die Verbindung zur Entwicklungspsychologie aber leider nur an. Piaget und die Schule der Neopiagetaner sehen das Reifen der Gedächtnisspanne im Kindesalter als einen entscheidenden Vorgang an, da jedem Zuwachs an Spanne eine größerer Wortschatz usw. entspricht. Die Gedächtnisspanne entspricht nach diesen Ergebnissen der Menge der Elemente, mit denen ein Mensch gleichzeitig denken kann. Die Kurzspeicherkapazität ist nicht normalverteilt, ebenso wie die Verteilung der Rohtestwerte vieler Intelligenztests, sie werden erst per Definition auf die IQ-Normalverteilung skaliert. Was wird dadurch vielleicht verwischt?
Kapitel 5 packt zwei ganz heiße Eisen an: IQ in Beziehung zu Geschlecht und Sozioökonomischem Status. Bei Hochbegabten beträgt das Zahlenverhältnis von Jungen zu Mädchen überall in der Welt etwa 9 zu 1, und weiter hinten wagt es Rost dann, auf die Theorie von D. Kimura einzugehen, der dafür auch hormonelle Regulation verantwortlich macht. Also ein klarer Fall von Sexismus? Auf S. 189 finden wir dann eine Tabelle aus einer Veröffentlichung aus dem Jahre 2005: Für 25-jährige Erwachsene wird die Dauer der Arbeitslosigkeit angegeben, die Dauer des Sozialhilfebezugs und das mittlere Jahreseinkommen. Mit einem IQ unter 85 beträgt es 23700, mit einem IQ über 115 37400. Die Währungsangabe fehlt, leider auch Ort und Land. Aber das kann man ja in der angegebenen Quelle nachlesen. Der mit dem Problem Vertraute weiß sowieso, daß diese Zusammenhänge im Prinzip überall in der Welt die gleichen sind und nie anders waren. - Aber, halt, sollte man so etwas überhaupt noch veröffentlichen, darf man das noch? Der auf der Höhe des Zeitgeistes stehende Soziologe würde das im Sinne von Bourdieu als klaren Fall von "Rassismus der Intelligenz" interpretieren. Denn nach Pierre Bourdieu ist "Intelligenz das, was das Bildungssystem schafft". Und man dürfe sich in solche Dinge, wie über Zusammenhänge mit dem IQ überhaupt erst gar nicht einlassen, da sie von dem sozialen Klassencharakter der Ursachen nur ablenken würden.
In Kapitel 6 geht es um Zusammenhänge von IQ mit Berufs- und Lebensleistung, in Kapitel 8 um die Stabilität der IQ-Messungen. Obwohl z B. bei den Armeen der Welt (auch bei der deutschen Bundeswehr; Ebenrett et al. fehlt im Literaturverzeichnis) Millionen von IQ-Tests oder als solche interpretierbare Tests vorgenommen werden, ist es ein Kunststück, in der Literatur verläßliche Zahlen über die IQ-Mittelwerte und Streuungen von Berufen zu finden. Warum wohl? Rost bleibt nichts anderes übrig, als auf S. 209 auf Daten aus den USA aus dem Jahre 1945 (!) zurückzugreifen. Rechtsanwalt IQ 128, Apothekenhelfer IQ 102, Bäcker IQ 90 usw. Im Westen nichts Neues also. Schwamm darüber, oder wird erst die klassenlose Gesellschaft diese sozialen Unterschiede aufheben?
Kapitel 7 (nur reichlich 10 Seiten) sprengt die Grenzen der Psychologie und befaßt sich mit den Beziehungen des IQ zu Neurobiologie, Medizin und Genetik. Nur eine Anmerkung dazu: Noch niemand hat bisher erklären können oder es auch nur versucht, wie es möglich sein soll und logisch begreifbar, daß hunderte oder tausende sehr kleiner genetischer Wirkungen, die sich in jeder Generation zufällig neu kombinieren und angeblich den IQ-Unterschieden zugrunde liegen (natürlich neben den sozialen Ursachen), in hierarchisch aufgebauten Stoffwechselwegen stets und immer wieder den durchschlagenden Spearmanschen Generalfaktor der Intelligenz produzieren, mit seiner relativ hohen Heritabilität und klar reprozierbaren Verteilungen innerhalb der Familien. Die bisher in der Molekulargenetik angewendete Schrotflintenmethode, bei der die DNS zerlegt und dann mit Computerhilfe dekodiert wird, gestattet nicht, größere Deletionen bzw. Copy-number-Variationen mit Sicherheit zu reproduzieren. Die Häufigkeiten dieser größeren genetischen Polymorphismen sind bisher nicht ausreichend bekannt, alle bisher völlig vergeblichen Bemühungen richteten sich deshalb bisher nur auf die Punktpolymorphismen (SNPs). Die Methode der Hybridisierung der homologen DNS-Abschnitte naher Verwandter, wie sie bei der Suche nach Genen für geistige Retardierung so erfolgreich angewendet wird, so auch im Berliner Max-Planck-Institut von Ropers et al., ist bei Hochbegabten noch nicht einmal versucht worden. Ist nicht die Tausend-Gene-Hypothese Plomins nichts anderes als das Gegenstück zu den tausend multiplen Intelligenzen Gardners?
Rost steht kurz vor seiner ehrenvollen Emeritierung.
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