Das Buch hält was es verspricht; leserfreundlich im Sinne von schnell verdaubar ist es damit nicht. Aber: Genau das muß positiv bewertet werden. 25 Jahre Erfahrung aus Forschung, Therapie, Supervision, Beratung und Ausbildung konzentrieren selbstverständlich und sinnvollerweise einen komplexen Inhalt und eine reichhaltige Quelle für die - an OE interessierte Leserschaft.
Dieser Gewinn speist sich aus folgenden aktuellen Fragen, die u.a. mit diesem Buch erschöpfend beantwortet werden:
Wie lassen sich Interventionspraktiken aus Beratung, Supervision und Therapie sinnvoll mit Anforderungen der OE verbinden ?
Inwiefern müssen und können politische und kulturelle Kontexte auf den jeweiligen Meta- Meso- und Mikroebenen berücksichtigt werden? Welche Instrumente stehen zur Verfügung, um diese Kontexte zu erkennen und mit ihnen umzugehen?
Wie läßt sich ein effektiver und evaluierbarer Wissenstransfer in die Praxis der OE realisieren und etablieren?
Inwieweit wird fachliches Wissen der OE determiniert, absorbiert oder relativiert durch Machtstrukturen vor Ort? Wie können diese Machtstrukturem transparent gemacht werden; wie können sie in den OE-Prozeß integriert werden?
Welche Rolle spielen - sonst gern vernachlässigte Elemente aus dem nicht-kognitiven Bereich, wie etwa emotionale Widerstände oder subjektiv geprägte Erfahrungen und Wahrnehmungen des eigenen (Ohn-)Machtserlebens. Und wie lassen sich diese nicht allgemeingültigen und objektivierbaren Elemente in ihrer Kontingenz sinnvoll und praktisch für die OE Arbeit nutzen?
Mit der Beantwortung dieser und weiterer Fragen weicht der Autor nicht davor zurück, erkenntnistheoretische und methodologische Reflexionen auf einer Metaebene zu liefern. Damit erfüllt dieses Buch auch den eigenen paradigmatischen Anspruch, ohne in eine wissenschaftsorientierte Schieflage zu verfallen. Im Gegenteil: Der Autor und Professor an der Freien Universität Amsterdam Petzold wikt glaubwürdig, weil er sein OE-Konzept des "Reflexiven Managements" in der privatwirtschaftlichen Industrie praktiziert.
Konkret: Sein Konzept ist komplex genug und geeignet, tschechische ManagerInnen der Automobilindustrie an einem osteuropäischen Standort Ende der 90er Jahre in Kooperation mit westeuropäisch sozialisierten und orientierten ManagerInnen des "deutschen" Mutterkonzerns so zu qualifizieren, dass sie - ausgestattet mit supervisorischen Rüstzeug - innovative und situativ relevante OE-Prozesse vor Ort realisieren.
In seiner gut gegliederten Komplexität ist das Konzept jedoch auch für den Non-Provit-Sektor relevant; auf wichtige und bisher in der Fachliteratur vernachlässigte Unterschiede Profit - Non-Provit wird explizit und auch humorvoll eingegangen.
Apropo Relevanz: Für LeserInnen, die ein didaktisch reduziertes und schnell zu erarbeitendes Einführungswerk der O E suchen, dürfte dieses Buch erst in einem zweiten Schritt wichtig werden. Alle akademisch und/oder praktisch Fortgeschrittenen der Sektoren Coaching, Organisationsberatung, Supervision, Personal- und Organisationentwicklung hingegen haben mit diesem Werk nicht nur die Möglichkeit, ihr Wissensspektrum zu erweitern. Aufgrund der Metaebene sind Neuorientierungen im eigenen Aufgabenbereich und Anleihen für den eigenen Aufgabenbereich durchaus möglich. Auch der Anspruch ein Handbuch zu sein, ist somit erfüllt. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)