In seinem Buch "Integrale Vision" hat sich Ken Wilber nichts Geringeres vorgenommen, als uns eine "umfassende Landkarte" von uns selbst und der Welt, in der wir leben, zu geben, damit wir im 21. Jahrhundert navigieren können. Auch wenn man diesem Unterfangen skeptisch gegenübersteht, lohnt es sich, sich mit dem Buch auseinanderzusetzen. Dessen grafische Gestaltung lockert den nicht immer leicht verdaulichen Text auf und kann helfen, sich dem Thema zu nähern.
Doch manch einer wird sich darüber ärgern, speziell über die gedruckten Computer-Animationen und den Jargon: "Was ist ein IBS? IBS bedeutet einfach 'Integrales Betriebssystem'." Damit nicht genug. Nach weiteren knapp 50 Seiten wird diese Abkürzung durch eine andere, nämlich "AQUAL (ausgesprochen: ah-quell)" ersetzt bzw. fortan synonym verwendet. Ich finde, dass solche Abkürzungen das Lesen unnötig erschweren, und sie nerven auf die Dauer. Dann springt Ken Wilber von der Computermetaphorik unvermittelt rüber in andere Bilder. Er ordnet den - wie er das nennt - "Ich"-, "Wir"- und "Es"-Dimensionen "Kunst, Moral und Wissenschaft" zu, ersetzt diese Begriffe dann wieder durch "Selbst, Kultur und Natur" oder durch "das Schöne, das Gute und das Wahre" ersetzt. Zunächst verwirrt das. Wer sich aber davon nicht abschrecken lässt, kann Gewinn aus der Lektüre ziehen:
Schon allein wegen des Hinweises darauf, dass Bewusstseinszustände etwas anderes sind als Entwicklungsstufen oder -ebenen, lohnt sich die Lektüre. Ken Wilber führt aus, dass jeder
- grundlegende Bewusstseinszustände kennt: Wachen, Träumen und Tiefschlaf.
Außerdem gibt es noch viele verschiedene Bewusstseinszustände, unter anderem
- meditative Zustände, ausgelöst durch Yoga, kontemplatives Gebet oder Meditation zum Beispiel
- veränderte Zustände, bewirkt durch Rauschmittel
- Gipfelerfahrungen, die beispielsweise durch intensive Erlebnisse wie das Liebesspiel, Wanderungen in der Natur oder schöne Musik ausgelöst werden.
"Das Interessante an Bewusstseinszuständen ist: Sie kommen und gehen. Selbst großartige Gipfelerlebnisse oder veränderte Bewusstseinszustände, ganz gleich, wie tief sie gehen, stellen sich ein, dauern eine Weile und verschwinden wieder", schreibt Ken Wilber. Dagegen sind "Bewusstseinsstufen" dauerhaft: "Stufen stellen die tatsächlichen Meilensteine von Wachstum und Entwicklung dar." Wenn ein Kind beispielsweise die sprachlichen Entwicklungsstufen durchlaufen hat, steht ihm die Sprache permanent zur Verfügung. Das Gleiche gilt für andere Typen von Wachstum: "Haben Sie eine Wachstums- oder Entwicklungsstufe erst einmal stabil erreicht, steht Ihnen das konkrete Potenzial dieser Stufe - wie ein größeres Bewusstsein, umfassendere Liebe, Berufungen, die auf höheren ethischen Wertmaßstäben gründen, größere Intelligenz und Achtsamkeit - praktisch jederzeit zur Verfügung." Sie sind zu "dauerhaften Wesenszügen" geworden.
Wie viele Entwicklungsstufen gibt es? Das kommt auf die Einteilung an. Als Vergleich führt der Autor die Temperaturmessung nach Celsius oder Fahrenheit an. Der Unterschied ist zwar gewaltig, aber beide Messungen sind richtig. Es kommt nur darauf an, in wie viele Stücke man die Torte schneiden will. Ein Beispiel, auf das sich Wilber bezieht, ist die fünfstufige Einteilung des Anthropologen Jean Gebser: archaisch, magisch, mythisch, rational und integral.
Zum besseren Verständnis stellt Wilber dann ein Beispiel mit nur drei Stufen vor, und zwar für die moralische Entwicklung:
- Ein Kleinkind ist bei der Geburt in bezug auf die ethischen Vorstellungen und Konventionen seiner Kultur noch nicht sozialisiert. Das bezeichnet er als "präkonventionelle" oder "egozentrische Stufe", da die Wahrnehmung des Kleinkinds überwiegend selbstbezogen ist.
- Aber während das kleine Kind die Regeln und Normen seiner Kultur erlernt, wächst es in die "konventionelle Stufe" der moralischen Entwicklung hinein, die er auch "ethnozentrische Stufe" nennt, da sie um eine spezielle Bezugsgruppe, den Stamm, den Clan oder die Nation kreist. Deshalb schließt das Kind Menschen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören, tendenziell aus.
- Auf der nächsten Stufe der moralischen Entwicklung, der "post-konventionellen Stufe", erweitert sich die Identität des Individuums erneut. Jetzt in der Form, dass sie Fürsorge und Anteilnahme für alle Menschen mit einschließt - ganz gleich, welcher Rasse, Hautfarbe, welchen Geschlechts oder Glaubens sie sind. Deshalb bezeichnet er diese Stufe auch als "weltzentrisch".
Ken Wilber schreibt: "Das heißt also, die moralische Entwicklung verläuft im Allgemeinen vom 'Ich' (egozentrisch) zum 'Wir' (ethnozentrisch) zum 'Wir alle' (weltzentrisch) - ein gutes Beispiel für die Entwicklungsstufen des Bewusstseins." Wir können sie auch als "Körper", "Verstand" und "Geist" darstellen.
Während 75 % der Bevölkerung von "spirituellen Erlebnissen mit 'veränderten Bewusstseinszuständen'" berichten, die tatsächlich auf jeder Stufe der Entwicklung möglich sind, zeigten Untersuchungen "immer wieder, dass sich etwa 70 % der Weltbevölkerung auf der ethnozentrischen Ebene oder niedrigeren Ebenen der Entwicklung befinden. Das heißt, auf oder unter mythisch, Konformist", berichtet der Autor und führt weiter aus: "Anders gesagt, etwa 70 % der Weltbevölkerung sind von ihrer spirituellen Orientierung her Fundamentalisten (oder niedriger). Etwa 30 % befinden sich auf dem zweiten Bogen und weniger als 1 % sind stabil auf den transpersonalen Stufen verankert. Aber diese transpersonalen Stufen existieren. Es gibt sie, und sie sind für jeden zugänglich." Ein möglicher Weg dorthin sind Ken Wilbers Übungen zur Integralen Lebenspraxis, mit denen könne man sich Stufe für Stufe hocharbeiten.
Daher ist für mich auch seine folgende Frage zentral: "Ist Ihnen jemals aufgefallen, wie ungleich entwickelt jeder von uns in verschiedenen Bereichen praktisch ist?" Und dann nennt er Beispiele: Bei manchen Menschen ist das logische Denken stark entwickelt, ihre Gefühlswelt hingegen kaum. Bei anderen ist die kognitive Entwicklung weit fortgeschritten (sie sind äußerst klug), aber ihre moralische Entwicklung ist dürftig (sie sind gemein und skrupellos). Manche Menschen haben eine hervorragende emotionale Intelligenz, können aber nicht zwei und zwei zusammenzählen.
Es geht Ken Wilber also darum, dass jeder sich und seine Umwelt besser verstehen lernt, sich beispielsweise seiner eigenen "multiplen Intelligenzen" bewusst wird und auch deren "Linien" kennenlernt. Beispielhaft nennt er kognitive, zwischenmenschliche, moralische, emotionale und ästhetische, und erklärt, dass sie alle Wachstum und Entwicklung zeigen, sich also in fortlaufenden Stufen entfalten. Das gleiche gilt für die "Typen" männlich/weiblich, den Körper, das Bewusstsein, was er unter anderem an der Entwicklung des Gehirns erklärt: vom Reptilien-Gehirnstamm zum komplexeren Säugetiergehirn oder limbischen System zu noch komplexeren physischen Strukturen wie dem dreieinigen Gehirn mit seinem Neokortex. Doch: "Es ist eine Sache, all die Versatzstücke dieser kulturübergreifenden Studie einfach auf den Tisch zu legen und zu sagen: 'Sie sind alle wichtig!', und eine ganz andere, die Muster ausfindig zu machen, die diese Stücke tatsächlich miteinander verbinden", erklärt er. Die Entdeckung solch tiefgreifender "verbindender Muster" ist eine der Hauptleistungen seines "Integralen Ansatzes".
Die "Integrale Theorie" könnte tatsächlich die "erste wirklich umfassende Weltphilosophie" sein, was Ken Wilber behauptet. Es würde diesen Rahmen sprengen, wenn ich versuchen würde, sie hier nachzuzeichnen. Doch möchte ich seine "vier Quadranten der Integralen Medizin" wenigstens stichwortartig erwähnen, weil ich vermute, dass ein Land damit nicht nur zu einer gesünderen Bevölkerung käme, sondern dass man mit diesem Ansatz auch die Krankenkassen sanieren könnte. Zur "Integralen Medizin" gehören folgende vier Quadranten:
1. Alternative Behandlungsmethoden (dem "Ich" zugeordnet)
- Emotionen
- Einstellungen
- Innere Bilder
- Visualisierung
2. Orthodoxe Medizin (dem "Es" zugeordnet)
- Chirurgie
- Betäubungsmittel
- Medikamentöse Behandlung
- Verhaltensmodifikation
3. Kulturelle Sichtweisen (dem "Wir" zugeordnet)
- Gruppenwerte
- Kulturelle Werturteile
- Bedeutung einer Krankheit
- Selbsthilfegruppen
4. Soziales System (dem "Sie" zugeordnet)
- Ökonomische Faktoren
- Versicherungssystem
- Versicherungspolicen
- Soziale Versorgung
Zu den Anwendungsgebieten der "Integralen Theorie" gehören neben dem eigenen Selbst unter anderem auch die "Integrale Wirtschaft", die "Integrale Ökologie" und "sozial engagierte Spiritualität oder Beziehungen als spiritueller Weg". Außerdem wagt sich Ken Wilber an Fragen wie: Warum ist Religion in dieser Welt eine solch komplexe, verwirrende Kraft, die die Geister spaltet? Wie kann etwas, das auf der einen Seite so viel Liebe und Leben lehrt, auf der anderen Ursache für so viel Tod und Zerstörung sein?
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