Auf Wilbers gewohnt frische und unkonventionelle Art, jedoch wissenschaftlich gründlich und fundiert, kommt sein Buch "Integrale Spiritualität" daher. Wilber selbst beschreibt seine Sprache als "salopp und frivol". Er brilliert mit gewohntem Witz, nichts ist ihm heilig, frei nach dem Motto "Wenn du Buddha triffst, dann töte ihn". Dies sei der einzig mögliche Umgang mit einem Thema, so behauptet er, bei dem es um nichts Geringeres geht als höchste Anliegen wie Gott und GEIST, Erlösung und Befreiung, Sünde und Rettung der Seele.
Wilber gibt zunächst einen Überblick über die Grundlagen und die Theorie, um die Voraussetzung zu schaffen für ein Verständnis integraler Spiritualität. Die Leser seiner früheren Bücher und diejenigen, die seine Arbeit im Internet mitverfolgen, finden hier Altbekanntes.
Als erstes geht er darauf ein, was ein "Integraler Ansatz" generell bedeutet und was im Hinblick auf verschiedene Gebiete wie Medizin, Ökologie oder Spiritualität. Ziel ist die aktive Entfaltung von Körper, Geist und Seele in Selbst, Kultur und Natur und diesen Beweis tritt er auf den nächsten Seiten an.
Wilber gibt in seinem Buch immer wieder kurze und präzise Überblicke über allgemein bekannte Methodologien und macht dann Vorschläge, wie sie in einen integralen Ansatz einbezogen werden können, und verdeutlicht dies durch zahlreiche Abbildungen und Tabellen.
Kurz erläutert er sein AQAL-Modell (Abkürzung für alle Quadranten, alle Ebenen, alle Linien, alle Zustände, alle Typen), welches eine Art Landkarte darstellt für quasi alles und jedes. AQAL ist ein theoretischer Ansatz zur Erfassung von Wirklichkeit und betrachtet das Ich, das Es, das Wir und das Sie jeweils aus der inneren Sicht und der äußeren.
Ebenso widmet Wilber ein Kapitel den verschiedenen Modellen zur Erklärung von Entwicklungsstufen. Im Folgenden bezieht er sich meistens auf Spiral Dynamics von Graves, oder die ego-, ethno- und weltzentrische Sicht, etwa des Individuums, der Gesellschaft oder der Religion. Jeder Mensch durchläuft die gleichen Entwicklungsstufen, beginnend auf Punkt eins, wobei man Entwicklungsstufen nicht überspringen, aber sie schneller durchlaufen kann, etwa indem man Meditation praktiziert. Das allein reicht allerdings nicht aus, sondern es gilt auch, andere relevante Bereiche der Lebenswirklichkeit einzubeziehen, eben alle Gebiete der AQAL-Karte.
Ken Wilber versteht es hervorragend, komplexe Sachverhalte in verständlichen Worten darzustellen und anhand von Beispielen zu verdeutlichen sowie neue Zusammenhänge herzustellen. Er beweist einmal mehr seine profunden Kenntnisse in Philosophie, Bewusstseinsforschung, Religionswissenschaften und spiritueller Praxis. Schlüssig beantwortet er die Frage: Wie kann ein integraler Ansatz in Bezug auf Spiritualität aussehen? Das kann beispielsweise eine "sozial engagierte Spiritualität" sein oder auch "Beziehung als spiritueller Weg". Wichtig ist, dass Spiritualität in allen Bereichen, im Ich-, Wir- und Es-Bereich gelebt wird, das volle Leben eben und nicht ein vertrocknetes und humorloses isoliertes. Dann kann Religion das "Förderband" sein, um Entwicklungsstufen zügig zu durchlaufen, eine Art "Aufzug zur Erleuchtung" sozusagen.
Um die konkrete Praxis geht es im letzten Kapitel. Hier beschreibt Wilber, wie sämtliche Aspekte einer integralen Praxis im täglichen Leben angewendet werden können, nennt zahlreiche Methoden der verschiedenen Bereiche und gibt Hinweise, wo man weitere Informationen hierzu findet.
Kommentierte Vorschläge zu ergänzender und vertiefender Literatur finden sich im ganzen Text, sowie Internetadressen der von ihm mitgegründeten integralen Institute, an denen zahlreiche Wissenschaftler und spirituelle Lehrer aus aller Welt mitarbeiten. Dort kann der interessierte Leser sich weiter informieren. Hilfreich ist auch die Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse an jedem Kapitelende. Eine kritische Auseinandersetzung und die Vertiefung einzelner Punkte hat Wilber ans Ende des Buches gestellt, um den Lesefluss und das Verständnis des Textes nicht zu stören. Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel "Integral Spirituality. A Startling New Role for Religion in the Modern and Postmodern World."
Auch geisteswissenschaftlich nicht vorgebildete und philosophisch unvorbelastete Leser sollten sich nicht abschrecken lassen, das Buch zu lesen, denn es enthält zahlreiche Hinweise, um die eigene spirituelle Praxis zu verbessern oder persönliche Transformation zu fördern, die auch ohne den theoretischen Unterbau verstanden und angewendet werden können.