Es fällt mir nicht leicht dieses Buch zu kritisieren. Und zwar aus mehreren Gründen. Diejenigen die Wilber bisher verstanden haben, denen möchte ich dringend ans Herz legen: lest dieses Buch - unbedingt. Es ist keine leichte Kost und der Anspruch der dahinter durchschimmert ist ein gewaltiger. Es ist nicht weniger als ein Aufruf an die, die es fassen können: tut was! Stellt Euch in den Dienst, auf daß sich der GEIST durch Euch, auf allen Ebenen und in allen Quadranten, manifestieren kann.
Und wenn ich diese Worte schreibe, dann ahne ich schon die Gefahr, die im Hintergrund lauert. Wilber ist ein Genie und er ist ziemlich einzigartig, aber tun wir ihm und uns und dem Kósmos den Gefallen und mythologisieren ihn nicht. Stampfen wir ihn nicht ein auf die Ebene des Flachlandes die unser Held (das darf er sein, finde ich) so vehement bekämpft und dieser Kampf, den jeder einzelne nachvollziehen muß, scheint ein Grenzscheide zu sein.
Worum geht es in dem Buch? Es geht um die gröbsten Umrisse eines Konzeptes einer Integralen Psychologie. Wilber weiß um seine Kraft und hat es deshalb unterlassen eigene Ideen übermäßig einzubringen, er liefert nur das rohe Gerüst. Das ist jedoch schlüssig und wie immer gut belegt.
Sehr interessant ist ein (gegenüber dem "Atman-Projekt" sehr stark erweiterter) tabellarischer Teil über die Stu-fen der Entwicklung, diese Tabellen erklären sich selbst.
Immer wieder unglaublich finde ich, mit welcher Klarheit und Präzison sich Wilber Themen aus verschiedenen Fachbereichen vorknöpft und in einer seiner gefürchtet langen (aber genialen) Fußnoten bearbeitet. Dabei liefert er mehr als nur brauchbare Ansätze zur Körper-Geist Problematik oder dem Leib-Seele Dualismus, oder wie immer man es nennen will.
Die Gefahr die von Wilbers Büchern ausgeht ist, so blöd es klingen mag, eine gewisse Lähmung der eigenen Arbeit, zumindest wenn man sich mit ähnlichen Bereichen befaßt. Es ist schon schwer genug mit Wilbers Gedanken Schritt zu halten, selten gelingt es jemandem ihn zu überholen.
Zurück zum Buch selbst, es ist ein Überblick über das Beste aus drei Zeitepochen (Prämoderne, mit der Entdek-kung der Großen Kette des Seins; Moderne mit der Differenzierung der Großen Drei; Postmoderne, z.B. linguistische Wende, Aperpektivismus - wem all diese Begriffe nur ein Achselzucken entlocken, sollte sich zum Warmwerden erst andere Wilberbücher vornehmen) verknüpft zu einer Einheit. Wie die aussehen kann steht im Buch.
Diejenigen, denen Wilber immer schon zu theoretisch war kann ich das Buch nicht empfehlen, man braucht einiges Vorwissen um es mit dem gebührenden Genuß lesen zu können.
Es bleiben zwiespältige Gefühle beim Lesen zurück (zumindest bei mir) und Wilber formuliert diese selbst wenn er sagt: "Offensichtlich bleibt noch viel zu tun. Aber eine erstaunliche Menge an Belegmaterial - prämodernes, modernes und postmodernes - weist sehr deutlich auf diesen Ansatz hin, der alle Quadranten auf allen Ebenen in Betracht zieht. Die bloße Menge dieser Belege weist unabweisbar auf die Tatsache hin, daß wir heute so weit sind, zwar nicht eine ganz vollständige und integrale Sicht des Bewußtseins zu entwerfen, aber uns von jetzt an nichts Geringeres als das zum Ziel zu setzen." (S.209) Und? Sollen wir uns jetzt freuen oder weinen?
Okay, freuen wir uns und jeder der meint dieses Buch verstehen zu können sollte es wirklich lesen. Wer es dann wirklich verstanden hat sollte es wohl irgendwie versuchen umzusetzen. Immerhin einige Ahnungen wie das gehen könnte haben wir doch schon, oder?
Wie so häufig ist dieses Buch auch eine Einladung die eigene Sichtweise um jeweils andere Bereich zu erweitern. Psychologen wünsche ich von Herzen dieses Maß an Offenheit, ihre Patienten könnten davon profitieren und viele der heute führenden psychologischen Ansätze könnten ein gerüttelt Maß an integraler Sicht sehr dringend gebrauchen.