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Am folgenden Abend wurde ich jedoch angenehm überrascht. Die Lektüre von Martha Grimes Krimidebüt fesselte mich derart, daß ich bis in die frühen Morgenstunden daran kleben blieb. Der Roman beinhaltet wirklich alles, was das eingefleischte Krimiherz begehrt: eine verschneite, weihnachtliche Landhausidylle, zwei skurrile, angsteinflößende Morde und ein wunderbares Repertoire unterschiedlichster Charaktere.
Dennoch wirkt die Erzählung keinesfalls stereotyp. Auf wunderbare Weise gelingt es der Autorin, einen mitreißenden individuellen Stil auszubilden, der selbst den belesensten Krimikenner immer wieder in Erstaunen versetzt.
Die Handlung der Geschichte spielt in Long Piddelton, einer fiktiven Ortschaft im englischen Norden. Mitte Dezember finden die Dorfbewohner auf einem schweren Holzbalken über ihrem Stammlokal eine bizarr drapierte männliche Leiche. Da sich die (etwas trottelige) örtliche Polizei nicht zu helfen weiß, rufen sie Inspektor Richard Jury von Scotland Yard auf den Plan, der nun vor der schwierigen Aufgabe steht, unter den reichlich absonderlichen Dorfbewohnern einen ziemlich eigenwilligen Mörder aufzuspüren. Zur Auswahl stehen ihm unter anderem der standesabtrünnige Graf Melrose Plant mit seiner überdrehten amerikanischen Tante Agatha, ein scheinbar vertrottelter Pfarrer, ein Krimiautor von zweifelhaftem Ruf und ein reichlich unmännlicher Antiquitätenhändler.
Des Rätsels Lösung werde ich natürlich nicht verraten, doch ein kleiner Tip für alle, die nach der Lektüre nach Mehr verlangen sei gestattet: Viele der hier so wunderbar geschilderten Figuren tauchen auch in den späteren Romanen der Autorin wieder auf. Schließlich kann es nur einen (Mörder) geben! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
Er heißt Richard Jury, hat schöne Augen, liebt Schnee und Regen, ist depressiv - wozu er auch allen Grund hat, denn die Frauen, in die er sich verliebt, entpuppen sich ein paar Seiten später als Mordopfer, als unschuldig Verdächtigte oder am Ende als Mörderin. Es wären wahrlich deprimierende Geschichten, wenn es um Jury herum nicht eine ganze Bande prachtvoller Freunde gäbe.
Wiggins zum Beispiel, seinen Assistenten, der Pillen und Tropfen liebt und gesunde Ernährung. Er hat auch für andere immer ein Taschentuch oder einen Hustenbonbon einstecken, ob nun für die Angehörigen der Opfer oder auch für die Verdächtigen. Dann Cyrill, den Kater, der in Scotland Yard wohnt und ein Superheld ist, wie er im Buche steht. Der einzige übrigens. Und der einzige, der es wirklich mit Chief Superintendent Racer (einem miesen Typen und Jurys Chef) aufnehmen kann.
Mit Jury im Haus wohnen die alte, unter Verfolgungswahn leidende Mrs. Wassermann und die junge Carole-ann, das schönste Mädchen Londons, elternlos wie Jury, die quasi seine Familie bilden und von ihm beschützt werden, obwohl reichlich unklar ist, wer eigentlich wen betreut.
Dann gibt es in dem kleinen Dorf Long Piddleton den abtrünnigen Adligen Melrose Plant, seine nervtötende Tante Agatha, den versnobten Antiquitätenhändler Trueblood (lila Seidenhemd und rosa Zigaretten) und Vivian, die ewig Verlobte, die in jedem Roman nach Venedig fährt, um ihren italienischen Grafen zu heiraten, und immer wieder zurückkommt, vermutlich weil sie eigentlich einen aus der Jury-Bande liebt - oder auch alle. Sie haben Jury beim Lösen der ersten Mordfälle geholfen und stehen ihm seitdem treu zur Seite, wann immer er Hilfe braucht - das heißt, in jedem neuen Mordfall.
Dann gibt es noch die Cripps, eine Familie Asozialer aus East End mit einer unübersehbaren Herde frecher Kinder, die entweder in der Küche voller fettstarrender Pfannen Kartoffelbrei mit Ketchup in sich hineinschlingen oder vor dem Haus ihr Unwesen treiben.
Sie alle, die sich in jedem neuen Buch um einige vermehren, werden zur Lösung von Jurys Fällen herangezogen, und ohne sie hätte er wohl keinen einzigen seiner Morde aufgeklärt und wäre außerdem auf Nimmerwiedersehn in seiner Traurigkeit versunken.
Die Kriminalfälle selbst sind eigentlich nur dazu da, um die Dinge in Bewegung zu halten. Um die Helden von einem Ort an den anderen zu versetzen: in eine Konzerthalle etwa, in der ein Mordversuch stattfinden wird, ein Schuß über den vollen, berauschten Saal hinweg; Jurys gesamte Bande ist natürlich anwesend, um das Schlimmste zu verhindern - was ihnen gelingt, einigermaßen wenigstens. Oder auf die Straße zum »Jerusalem Inn«, auf der inmitten von Schneehügeln der Sieger im Lauchzüchterwettbewerb marschiert, seinen prämiierten Lauch unterm Arm. Die Kneipe selbst voll mit spießigem Weihnachtskram, ein Krippenspiel mit leerer Krippe, weil das Kind die Puppe wieder entwendet hat, die seit einer Wirtshauskeilerei das Christkind ersetzen muß und die manchmal ein Mädchen ist und Alice heißt und manchmal ein Junge namens Jesus. Natürlich tragen beide, das Kind und seine Puppe, am Ende wesentlich zur Lösung des Rätsels bei. Überhaupt spielen Kinder eine herausragende Rolle in den Romanen; gottverlassen und auf all die unzulänglichen Erwachsenen um sie herum herabblickend, meistern sie lässig das Leben.
Die Grimes-Crimes leben von der ewigen Wiederholung des immer Alten, immer Neuen. Immer die gleiche Mischung. Wie das Getränk in der Stammkneipe, das der Wirt schon serviert, kaum daß man sich gesetzt hat, weil er schon weiß, wie man es gern hat. Die Geschichten sind traurig wie Blues, grotesk wie ein Maskenball, ironisch wie das Schicksal, die Figuren so abwegig und unglaubhaft wie die Menschen neben uns. Mit einem Unterschied: Sie sind immer da, wenn man sie braucht. Sie sind verläßlich, abkömmlich, wenn Jury Hilfe und der Leser eine Grimes-Story braucht. Selbst die blöden Kühe und fiesen Typen vermißt man direkt, wenn sie in einem Band nur kurz am Rande vorkommen.
Glücklicherweise ist Martha Grimes eine der noch lebenden Autorinnen und schreibt immer mal wieder ein neues Buch. Unglücklicherweise schreibt sie wesentlich langsamer, als ich lese. Aber das nächste Buch wird hoffentlich bald erscheinen. Ich werde es aufschlagen. Und sie werden da sein. Alle.
Ute Gelfert
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