Nachdem der fünfte Band "...bricht das Eis" das Niveau deutlich gehoben hatte, gerät der sechste Roman zur extrem zwiespältigen Angelegenheit.
Hier tritt zum ersten Mal eine Figur auf, die immer wieder zu Co-Protagonisten der Romane werden sollte: Divisional Commander Macalvie, ein von seiner Arbeit geradezu besessener Polizist mit allen möglichen Ecken und Kanten, ein hartnäckig-verbissenes Gegenstück zu dem feinfühlig agierenden Jury und dem ironisch-distanzierten Melrose Plant.
Ausgangspunkt ist ein nie gelöster Fall Macalvies, der 20 Jahre zurück liegt. Als es in der Gegenwart zu drei Morden an Kindern kommt, wird Jury eingeschaltet und wildert damit in Macalvies Revier, so daß die beiden bald zusammenarbeiten. Eine Verdächtige im dritten Mordfall erscheint für den Commander dann auch bald als das Kind des Opfers aus dem alten Fall, auch wenn die Verdächtige dies bestreitet. Doch wo liegen die Zusammenhänge in den aktuellen Fällen und worauf ist der Täter wirklich aus?
Dieses Buch hat wieder einen erheblich kleineren Umfang als der Vorgänger (ähnelt somit dem vierten Roman), bemüht sich jedoch um Ernsthaftigkeit, gerade in dem grimmigen Fall von Kindstötungen.
Was jedoch gut anfängt, gerät nach einem Drittel für mich arg ins Schlingern: wieder einmal gerät ein (viertes) Kind zum zentralen Charakter, wieder mal adeliger Herkunft und diesmal potentielles Opfer.
Selten hat Grimes sich soviel Mühe gegeben, den Kindercharakter auch kindlich darzustellen (insofern ist er also gelungen), doch ergibt das noch keine sympathische Figur, eher schon ist man leicht angenervt, wenn man erkennt, welche Anteile die Figur an dem Roman hat.
Im letzten Drittel kommt dann auch Zusammenhang und Drive in die Sache, nur muß ich konstatieren, daß die Zusammenhänge dermaßen großmaschig und unwahrscheinlich geraten sind, daß es nicht so recht Spaß machen will. Das Ende hat einen schon fast tragischen Beigeschmack, eine Fortsetzung aus dem letzten Roman, was im siebten Fall noch auf die Spitze getrieben werden sollte. Dennoch wirkt die Auflösung irgendwie unbefriedigend, die Charaktere unterentwickelt und die Verbindung zu dem alten Fall arg erfinderisch.
Plant taucht hier erst nach gut der Hälfte des Romans auf, was gar nicht schlecht ist, da das Auftauchen Macalvies bewirkt, daß sich die Protagonisten den knappen Raum des Romans durch drei teilen müssen, so daß alle ein wenig zu kurz kommen.
Macalvie selbst ist eine feine Figur, doch sein oft ruppiges Vorgehen, daß dann im entscheidenden Moment ungeahnte Erkenntnisse verrät, findet keine Entsprechung in der Tiefe der Figur. Wie auch, wenn der Mann nur für seine Arbeit lebt. Erst in späteren Romanen sollte er bröckchenweise etwas von sich offenbaren.
"...lichtet den Nebel" wirkt in der Gesamtheit arg karg und sehr bemüht, ein Drama, das die üblichen Personen Jury und Plant gar nicht mal unbedingt nötig gehabt hätte. Doch die Freigiebigkeit mit den Unwahrscheinlichkeiten läßt mich lediglich zu einer Durchschnittswertung von zweieinhalb Sternen greifen, was abgerundet wird. Ergo kein schlechter Roman, aber auf keinen Fall ein Spitzenprodukt aus dem Hause Grimes, sondern eins, das die Geschmäcker zweifellos teilen wird.
Nächster Roman: "...spielt Katz und Maus"