Die Zeiten, als man einen neuen Inspektor-Jury-Band kaufte, schon auf dem Nachhauseweg im Bus oder der Bahn zu lesen anfing, kaum bemerkte, wo man aussteigen mußte und dann das Buch erst in den frühen Morgenstunden ausgelesen beiseite legte, sind vorbei. Frau Grimes fällt nichts Neues mehr ein, statt dessen meint man, nur noch eine auf Romalänge ausgewälzte Soap-Opera-Folge zu lesen zu bekommen. Das in der Jury-Welt etablierte Personal ist zu umfangreich - und jede der aus früheren Bänden "liebgewordenen" Personen muß natürlich ihren "typischen" Auftritt bekommen. Kann noch jemand über die gierig Scones futternde Tante Melrose Plants lachen? Oder über Higgins Hustenmittelspleen?
Aber das würde man alles gern inkauf nehmen. Wenn wenigstens der neue Fall spanned wäre und wenn nicht Mrs. Grimes plötzlich auf die abwegige Idee geriete, Richard Jury auf seine alten Tage zum Casanova umzugestalten. Hey - der Mann hat den zweiten Weltkrieg noch live miterlebt - und nun reißen sich die Schönheiten Londons um ihn? Die Liebesszenen (Sex scheint besonders verrucht zu sein, wenn dabei viel Krach gemacht und allerhand Möbel umgeschmissen werden) haben keinerlei Relevanz für den Mordfall. Eine Eifersuchtsgeschichte, die eigentlich durch die Grundkonstellation angelegt wäre (zwei Frauen, ein Mann...) kommt nicht in die Pötte und wird, wenn es so weitergeht, wohl noch in den nächsten fünf bis sechs Jury-Bänden nicht für Spannung sorgen. Hier mal eine generelle Bitte an ältere Krimiautoren: Wenn Ihr keine Lust auf Sexszenen oder Liebesgeschichten habt - dann laßt sie einfach weg! Diese bemühte Erotik, die man auch in den letzten Büchern aus Dick Francis' Feder antrifft, und in der sich in diesem Band Frau Grimes versucht, ist einfach nur peinlich. Wer möchte sich Richard Jury tatsächlich beim Coitus vorstellen? Na also!
Ach ja, das Verbrechen. Der Leser kapiert am Ende nicht wirklich, wer der Täter oder die Täterin war. Da aber beide infrage kommenden Verdächtigen während der Geschichte nie wirklich plastisch wurden, ist es einem auch irgendwie egal. Das Verbrechen selbst ist einem egal und sechzig Jahre nach dem WK2 könnten so langsam mal andere Mordmotive zum Tragen kommen - das Mordmotiv ist langweilig, die (möglichen) Täter sind es, und selbst die Aufklärung de Verbrechens ist langweilig. Daß Kinder dabei eine tragende Rolle spielen, ist ja nun in Jury-Romanen auch keine überraschende Neuerung mehr.
Zwei Sterne. Einer, weil Mrs. Grimes natürlich nicht vollkommen das Schreiben verlernt hat, der zweite Stern als ein Hoffnungsschimmer. Vielleicht schafft die Autorin es, die Reihe nochmal rauszureissen, eventuell, indem ein oder auch zwei Schlußbände geschrieben werden, in denen sich die Jury-Welt auflöst: Vivian zieht doch noch zu Dracula nach Italien, Melrose Plants Tante erstickt, Trueblood und Plant zelebrieren eine Gay-Party, Jury schwängert seine rothaarige Nachbarin und hat dann endlich ein eigenes Kind, das er verstehen kann. Racer erschießt Cyril und Wiggins entdeckt das perfekte Hustensaftrezept, womit er ein Vermögen macht, welches er in die Rettung seiner Lieblings-Burger-Bräter-Kette steckt... Vielleicht reicht aber auch eine simple Auszeit, bis Grimes wirklich wieder eine gute Idee für den nächsten Jury-Fall hat.