Wenn dem Leser nach den ersten drei Jury-Romanen "...küßt die Muse" über den Weg läuft, dann wundert man sich vielleicht ein wenig: die Seitenzahl hat nachgelassen, das Schriftbild dafür noch größer geworden.
Trotzdem ist es kein Kurzroman geworden, das Buch beinhaltet alle schon liebgewonnen Elemente, aber in etwas abgewandelter Form.
In diesem Fall geht ein recht brutaler Mörder in einer Gruppe gut betuchter amerikanischer Touristen um, die das Örtchen Stratford-upon-Avon, Shakespeares Heimatstadt, besuchen. Neben den Rasiermessermorden an sich verbleibt am Tatort immer ein neues Zitat aus einem Gedicht von Shakespeare-Zeitgenosse und Dichterrivale Christopher Marlowe zurück. Jury wird von einem befreundeten Kollegen hinzugebeten und Plant ist durch Zufall vor Ort, weil er ebenfalls ungebetenen Amerikabesuch hat.
Wenn man ungnädig ist, könnte man sagen, die Formel, nach der die Jury-Romane aufgebaut sind, würde Martha Grimes hier erstmals weniger interessieren als alles andere und sie würde deswegen diesen Roman so knapp und auf das Wesentliche reduziert runtergeschrieben haben. Neben den Morden und den Verhören sind die eingeflochtenen Protagonistenintermezzi ein Musterbeispiel an Sparsamkeit. Es scheint, als hätte das mit hinein gemußt, aber dann auch nur das Nötigste.
Wesentlich interessanter scheint der Autorin die vieldiskutierte Frage um Christopher Marlowes mysteriösen Tod 1593 gewesen zu sein, denn Plant und die Nebenfigur Schoenberg kreisen in großen Romanteilen hauptsächlich darum. Tatsächlich spielt das auch eine kleine Nebenrolle bei der Aufklärung, aber man kann spüren, wo der Reiz lag.
Wie desinteressiert Grimes dabei an den restlichen Charakteren war, zeigt sich bei Opfern und Verdächtigen. Die ganzen Amerikaner sind eine dermaßene Anhäufung schillernster Karikaturen, daß man sich unwillkürlich fragt, welche Meinung die Autorin von ihren Landsleuten hatte. Eine alternde Jungfer; eine alte (und ansatzweise verdorbene) Lady samt prüder Nichte; ein Schönling und eine zusammengebastelte Südstaatenfamilie mit einer Denverclan-Mutter und einer nuttigen Tochter, schlimmer gehts kaum noch. Dazu (wie üblich) zwei viel erwachsener wirkende und sympathische Kinder, wobei die Einschübe rund um den entführten Achtjährigen noch die besten Teile sind. Der Gegensatz zwischen diesen Figuren ist jedoch eklatant.
Schön ist, daß sich der Roman extrem flüssig und unterhaltsam lesen läßt, weniger schön, daß das Motiv praktisch auf den letzten 20 Seiten aus der Kiste geholt wird, von der man vorher nicht einmal ansatzweise gehört hat. Die Auflösung wirkt forciert und die Motivation der Figuren, wie ihre Charakterisierung irgendwie mit der heißen Nadel gestrickt.
Aufgekocht wird hier erstmals die Liaison von Vivian Rivington mit ihrem italienischen Grafen, die auch zehn Romane später noch nicht vollständig aufgelöst wurde.
Ich mag den Roman zwar durchaus wegen seiner kurzweiligen Knackigkeit, aber für eine Empfehlung kann ich meine dreieinhalb Sterne nicht nach oben aufrunden. Dies ist ein Schnellschuß zwischendurch, eine interessante Idee (der Mord/Unfall an Marlowe vor 400 Jahren) und darum einen Kriminalfall drapiert.
Nächster Roman: "...bricht das Eis"