Der Vorgänger "IJ besucht alte Damen" zeigt Martha Grimes schon wieder in ansteigender Form, doch "IJ geht übers Moor" ist ein Jury in absoluter Vollendung.
Offensichtlich hatte die Autorin in diesem Fall viel Zeit, Spaß und Muße, mit den bewährten Zutaten ihrer Romane herumzuspielen, so daß der vielleicht prallste Jury-Roman überhaupt dabei entstand.
Jury, selbst äußerst melancholisch und leicht depressiv, beobachtet in diesem Roman eine junge Frau, Nell Healey, die ihn fasziniert, bis sie ihren Ehemann vor seinen Augen in einem Hotel niederschießt. Jury beurlaubt sich selbst und geht dem Rätsel nach, wobei es in der Familie der Täterin vor Jahren zu einer Tragödie kam. Nell Healeys Stiefsohn Billy und sein Freund Toby wurden so gut wie in ihrer Anwesenheit entführt. Nell weigerte sich damals, das Lösegeld zu zahlen und Billy wurde nie wieder gesehen. Toby tauchte wieder auf, wurde jedoch Opfer eines Verkehrsunfalls. Jetzt wurde das Skelett eines Jugendlichen auf einem Friedhof gefunden, wobei der verantwortliche Div. Commander Macalvie überzeugt ist, es mit Billy zu tun zu haben.
Hier sind sie alle wieder versammelt: ein interessierter, trauriger Jury, der verbissene Macalvie und Jury ex-adeliger Freund Melrose Plant, der auf seine Art Ermittlungen in dem Fall durchführt.
Der Roman glänzt zwar nicht durch Innovationen, vereint aber endlich mal wieder all die alten Stärken der frühen Romane. Ein seltsames Verbrechen, eine reiche Familie und die Frage nach einzelnen Identitäten, denn möglicherweise sind die Entführten ja gar nicht so tot, wie sie scheinen. Dazu kommt das Element der Blues- und Rockmusik, die hier eine entscheidende Rolle spielen, denn der Sänger der (fiktiven) Gruppe Sirocco, scheint eine Schlüsselfigur in diesem Mordfall zu sein. Plant wird hier langsam zum Lou-Reed-Fan, während Jury zunehmend auf John Coltrane abfährt.
Mit den schneebedeckten Mooren von Yorkshire entsteht über weite Strecken eine intensive Atmosphäre, auch wenn Grimes wieder mal auf ein Kind als Nemesis Plants (und noch zwei weitere als Nebenfiguren) zurückgreift, welches weiter ist, als so mancher Altersgenosse. Plant selbst entdeckt plötzlich sein Herz für Vivian Rivington, die am Ende in einer berauschenden Sequenz mit dem Orientexpress ihrer Hochzeit entgegeneilt, tröstet sich jedoch dann mit der amerikanischen Autorin Ellen Taylor, auf die zwei Bände später ("Fremde Federn") noch einmal eingegangen werden sollte.
Neben einem kniffligen Rätselspiel schließt der Roman darüber hinaus auch noch mit einem spektakulären Höhepunkt während eines Rockkonzerts ab, wie es Grimes selten sonst hinbekommen hat.
Insgesamt also einer, wenn nicht der beste (weil prallste) Inspektor-Jury-Roman, der Lust macht, weiterzulesen. Spannend, voller interessanter, gut entwickelter Figuren und mit reichlich Platz für alle Hauptcharaktere. So sollte es sein.
Nächster Roman: "IJ gerät unter Verdacht"