Die Formkurve steigt wieder deutlich an. Nachdem "...küßt die Muse" ja ein relativer Schnellschuß war, knüpft "...bricht das Eis" an alte Tugenden an.
Hier sind wieder sorgfältige Arbeit und Interesse an den Figuren spürbar. Es gibt sogar mal einen tieferen Exkurs in das Gefühlsleben der Hauptfigur.
Jury trifft hier in einer verschneiten Kleinstadt nahe Newcastle eine Frau namens Helen Minton auf dem Friedhof und freundet sich mit ihr an. In dem Bewußtsein, vielleicht hier die Frau seines Lebens zu finden, verabschiedet er sich von ihr und findet sie bei seiner Rückkehr tot auf, augenscheinlich Selbstmord durch Tabletten. Mit den dürftigen Informationen ihres Lebens macht er sich auf die Suche, die zuerst zu einer Schule für sozial Schwache und Bedürftige und später auf den Landsitz einer reichen Familie führt, wo sich eine Weihnachtsgesellschaft versammelt hat, zu der auch Plant, Vivian Rivington und Agatha gehören. Fast ganz eingeschneit, scheint der Mörder unter den Gästen zu lauern und bald findet man eine zweite Tote im Schnee...
Der Schlüssel des Rätsels um den Mord liegt wie üblich in der Vergangenheit, ein Ereignis von vor vielen Jahren, doch in diesem Fall ist die Konstruktion wirklich knackig und dermaßen doppelbödig, daß immer, wenn man denkt, man wüßte alles, eine neue Wendung aufgezeigt wird.
Martha Grimes kehrt hier zu den Qualitäten ihrer ersten beiden Romane zurück: brauchbare, nicht überzeichnete Figuren, ausreichend tief ergründet und alle mit einer Vergangenheit, die man auch nachvollziehen kann. Die Karikaturen des Vorgängers sind hier total verschwunden.
Natürlich ist das wieder eine Geschichte vom Kaliber des verworfenen Adels, von Standesunterschieden und einer großangelegten Vertuschung, aber das ist alles so kunstvoll zusammengebastelt, daß auch das Geschehen der ersten fünf Kapitel am Ende noch wichtig erscheint.
Erfreulich die Tiefe, die Jury hier selbst entwickelt, etwas, was es in den anderen vier Romanen relativ selten gegeben hatte. Die persönliche Motivation ist erfreulich anrührend, wenn auch das Zusammentreffen der Freunde mal wieder den Zufall arg strapaziert. Dennoch verkommt der Fall nicht zur Rachegeschichte, sondern trägt den Hauch der melancholischen Resignation mit sich, als wüßten wir hier schon, daß Jury nie privates Glück finden sollte. Da paßt auch hinein, daß die Möglichkeit, die Beziehung zu Vivian Rivington weiterzuentwickeln, schnöde ausgelassen wird.
Eine gewisse Abwechslung in punkto Kinder bringt der Roman auch mit, denn neben einem sympathischen Siebzehnjährigen spielt das sonst einzig auftretende Kind endlich mal keine Schlüsselrolle.
Das ist einen Schritt weg vom Trend der letzten Romane, auch wenn es nicht dabei bleiben sollte.
Trotz allem ist dieser Roman einer der besten in der Reihe, routiniert und den Erwartungen entsprechend, aber in seiner Gesamtheit ungemein fesselnd und schlüssig geschrieben.
Nächster Roman: "...lichtet den Nebel"