Wenn Charles Ferguson in seiner Dokumentation den Ursachen der Finanzmarktkrise auf die Spur kommt und dieses symbiotisch gewobene Netz aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien auseinanderschnürt, erschüttert das bis ins Mark, denn "Inside Job" ist nicht nur eine Studie, die akribisch genau die Entstehung, den Verlauf und die Auswirkungen eines beispiellosen Börsen-Crashs aufarbeitet, sondern auch äußerst kritisch die Auswüchse der Deregulierungspolitik der letzten 30 Jahre hinterfragt, auf deren Fundament die (neo-) liberale Wirtschaftstheorie fußt. Ferguson rüttelt an den Grundpfeilern dieses mantraartig intonierten Dogmas vom freien Markt, der wie von unsichtbarer Hand gelenkt in einer optimalen Lösung Angebot und Nachfrage zum fairen Preis automatisch in Einklang bringt, wenn man nur nicht reguliert, die Marktkräfte also ohne Anwendung gesetzlicher Regelungen ihrem freien Spiel überlässt. Eine Theorie, die lediglich unter der unrealistischen Prämisse funktioniert, dass alle Marktteilnehmer auch entsprechend rational handeln und vernünftige Entscheidungen treffen. Was wir in diesen 104 Minuten zu sehen bekommen, ist eher das glatte Gegenteil: dekadente Investmentbanker, die sich tagsüber die Taschen mit Geld füllen und abends mit einer Tüte Kokain in den Hinterzimmern von Prostituierten verschwinden; korrupte Politiker, die ihre Entscheidungsgewalt hörig an die Finanzwirtschaft abtreten, weil es ihnen an eigener Kompetenz mangelt; hilflose Regulierungsbehörden, denen der Finanzmarkt außer Kontrolle geraten ist, weil Scharen von Lobbyisten den zuständigen Institutionen regelmäßig in den Arm fallen; und selbstgefällige Wirtschaftswissenschaftler, die ihren akademischen Ethos für die Interessen von Banken und Versicherungen verkaufen und unter profilneurotischem Zwang durch die Medienlandschaft wandern, um für weitreichende Deregulierungen ein öffentliches Klima zu schaffen. In "Inside Job" geht es also nicht nur um ein paar schwarze Schafe, die vollkommen ohne Moral, Ethik und Selbstkritik auskommen, sondern hier steht eine ganze Branche am Pranger, die sich mit ihren kriminellen Machenschaften kontinuierlich von der Realität abgekoppelt hat und ein dynamisches Eigenleben entwickelt, das einer Parallelgesellschaft gleicht, die in einem morbiden Kreislauf aus virtuellem Geld, Macht und Status systematisch das demokratische System unterhöhlt und wie ein metastasierendes Geschwür das Gewebe der gesellschaftlichen Ordnung zerstört.
"This is a Wall Street-Government!" lautet einer der vorwurfsvollen Sätze, die in den zahlreichen Interviews fallen und das eigentlich Erschreckende daran ist, dass dieser Satz auf Regierungen aus beiden Lagern zutrifft, sowohl auf die Reagan-Administration, die im großen Stil mit der Deregulierungswelle begann, indem Banken beispielsweise erlaubt wurde, mit den Einlagen der Kunden an der Börse zu spekulieren; als auch auf die Clinton-Regierung, die sich weigerte, den intransparenten Markt für Derivate strengeren Regeln zu unterwerfen. Seinen Höhepunkt erreicht der neoliberale Deregulierungswahn schließlich in der Bush-Ära und immer wieder bekommt man vorgeführt, wie entscheidende Schlüsselstellen in der Regierung und bei den Aufsichtsbehörden mit Lobbyisten der Finanzwirtschaft besetzt werden, sodass die Macht der Investmentbanken auf beängstigende Weise stetig anwächst, während der Einfluss der gewählten Politiker allmählich zu verkümmern droht. Bestes Beispiel dafür ist die Ernennung des Goldman Sachs-CEOs Henry Paulson zum US-Finanzminister im Jahre 2006, der dadurch seine Anteile an der Bank im Wert von 485 Millionen $ steuerfrei am Markt platzieren konnte.
Ein großes Lob muss man Ferguson für die lehrbuchreife Beschreibung des Krisenmechanismus machen. Mit logisch nachvollziehbaren Übersichten und Statistiken wird erklärt, dass das Unheil am amerikanischen Immobilienmarkt beginnt, wo Hausbesitzer ihre Grundstücke mit Hypotheken belasten. Die Hypothekenbanken treten diese Kreditforderungen an Investmentbanken ab, die solche Darlehen zusammen mit anderen Formen von Krediten (wie z.B. Autokrediten) in einem Pool bündeln und als Wertpapiere (CDOs) verbriefen, um sie an den Märkten an Investoren zu verkaufen. Diese CDOs gelangen nun in den globalen Handel und werden trotz ihres hohen Risikos von den Rating-Agenturen wohlwollend mit Triple A bewertet. Es findet also ein Gläubigerwechsel statt, weil das Ausfallrisiko der Hypothekendarlehen nicht mehr bei den Hypothekenbanken liegt, sondern in Form von toxischen Papieren in den Bilanzen von Investoren. Dadurch entsteht für die Hypothekenbanken der falsche Anreiz, immer mehr Kredite an Schuldner mit niedriger Bonität zu gewähren, um risikolos Provisionen und Boni einzustreichen. Der Film führt hier das extreme Beispiel einer Hausbesitzerin mit Migrationshintergrund an, die von windigen Maklern ein Darlehen aufgeschwatzt bekommt, obwohl sie weder die erforderliche Bonität besitzt, noch ein Wort des Kreditvertrages versteht, weil sie gar kein Englisch spricht. Es pumpt sich also eine Spekulationsblase auf, die auf fatale Weise noch dadurch verschärft wird, dass Investoren auf den Ausfall dieser CDOs mit so genannten Credit Default Swaps spekulieren können, ohne überhaupt im Besitz eines CDOs zu sein, was den Versicherer AIG, der diese Kreditausfallversicherungen in großem Ausmaß anbietet, schließlich das Genick brechen wird. Als die Hausbesitzer ihre Hypothekendarlehen nicht mehr tilgen können, geht die tickende Bombe in den Bilanzen der Investmentbanken schließlich hoch. Die auf Pump finanzierte Illusion vom amerikanischen Traum zerplatzt wie eine Seifenblase, Lehman Brothers geht pleite, zahlreiche andere Banken und Versicherungen müssen vom Staat und damit vom Steuerzahler gerettet werden, die immensen Kosten dieser Rettungsaktionen werden noch auf zukünftigen Generationen lasten und das ärgerliche Resümee, das am Ende des Films anklingt, besteht darin, dass ein Umdenken nicht stattfindet, weil niemand dafür verantwortlich gemacht wird, die Oligopolmacht der Banken nach dem Kollaps sogar noch größer ist, dass noch mehr Geld für Lobbytätigkeit ausgegeben wird und die Politik sich immer noch nicht an die Regulierung der Märkte wagt. So bleibt die philosophische Frage offen, ob sich tatsächlich das gesamte gesellschaftliche Leben dem inhumanen Diktat einer Branche unterordnen soll, die keine moralischen Grenzen kennt.
Matt Damon führt als Erzähler durch den Film, dessen Tonspur nur als OmU zur Verfügung steht. In Interviews kommen namhafte Politiker sowie diverse Vertreter von Investmentbanken, des IWF, Lobbygruppen, Aufsichtsbehörden und der Federal Reserve zu Wort.