Inside 9/11": Ein neues Buch zum 11. September 2001- brauchen wir das noch? Eindeutig ja. Paul Schreyer legt nun ein Sachbuch vor, nachdem er 2006 zusammen mit seinem Vater Wolfgang Schreyer bereits den 9/11 Roman "Die Legende" zum Thema schrieb.
Paul Schreyer legt schon in der Einleitung ordentlich los. "Zu kaum einem Ereignis der jüngeren Geschichte wäre bisher so viel veröffentlicht" worden, dennoch seien die Anschläge "bis heute in weiten Teilen unaufgeklärt". Unter anderem sei dies deshalb der Fall, "weil Menschen, die nach eingehender Beschäftigung mit dem Sachverhalt für eine neue Untersuchung plädierten", oft pauschal Verschwörungstheoretiker genannt würden und ihnen damit gleichzeitig "die allgemeine Zurechnungsfähigkeit abgesprochen" würde.
Schreyer plädiert dafür, allein schon auf Grund der vorliegenden und teilweise neu gewonnenden Fakten, sich erneut mit dem Thema zu beschäftigen. Dem folge ich gerne. Schon im Vorwort nimmt er vorweg, dass er keine abschließende Bewertung der Fakten vornehmen wird, jeder solle selbst entscheiden, welche der nach ihm gleichberechtigt existenten Möglichkeiten, die man verkürzt etwa "Zufall und Inkompetenz", oder aber "Verschwörung innerhalb der USA" nennen könnte, zutreffender erscheint.
Schreyer teilt sein Werk dann sehr übersichtlich in drei Hauptkapitel ein. Überhaupt, Prägnanz und Übersichtlichkeit scheint mir die beste Eigenschaft des Autors zu sein. Diese Kapitel lauten: "Das Vorwissen der Geheimdienste". "Das Versagen der Luftabwehr". Und "Die Abwesenheit der Befehlshaber" gefolgt vom Epilog, "Der Plan".
Im ersten Kapitel wird exemplarisch die Geschichte des Falls "Able Danger" geschildert. Lt. Col. Anthony Shaffer hat dabei zusammen mit anderen Kollegen u.a. Mohammed Atta und andere Mitglieder der sogenannten "Brooklyn Cell" identifiziert- über ein Jahr vor 9/11. Sein Vorgesetzter soll zum Bild Attas gesagt haben: "Das ist es- Das ist genau, was wir brauchen. Der Typ sieht zum Fürchten aus", so wird jedenfalls Capt. Scott Phillpott zitiert. Impliziert dies eine Suche nach einem geeigneten Sündenbock? Unmittelbar danach seien alle Aktivitäten von Able Danger unterbunden worden, und auch später schaue alles nach einem Cover-Up aus, wobei Lt. Col. Shaffer meist nur zufällig erfahren hatte, wie man seine Infos ins Leere laufen liess.
Schreyer fährt dann fort mit der Schilderung der "kalifornischen Zelle". Dazu beschäftigt er sich ausgiebig mit der Rolle Al-Bayoumis und Abdussattar Sheiks. Möglicherweise als potentielle Anwerber der mutmaßlichen Attentäter Al-Hazmis und Al-Midhars für Spitzeltätigkeiten? Jedenfalls waren diese die ganze Zeit seit 1999 im Visier der CIA, die alles über diese Männer wusste und sie trotzdem deckte, anstatt zur Fahndung auszuschreiben oder dem FBI zu melden. Auch alle Infos hierüber wurden sehr erfolgreich systematisch versteckt.
Der Hauptteil des Buches beschäftigt sich mit der Frage nach der ausgebliebenden Luftabwehr am 11.09.2001. Man merkt schnell, hier liegt die eigentliche Kernkompetenz von Schreyer. Sich nur auf offizielle Quellen verlassend, wird ebenso eindeutig wie in "C. C. Walthers: Der zensierte Tag" dargelegt, dass die verschiedenen offiziellen Timelines auf eine durchorchestrierte Lügengeschichte hindeuten. Natürlich mit viel aktuellerem Bezug, weil etwa auch die "Vanity Fair" NEADS Protokolle, oder die Publikationen von Miles Kara und die seit 2009 veröffentlichten Dokumente des 9/11 CR in die Betrachtung mit aufgenommen wurden. Nach der Erläuterung der am 11.09.2001 gleichzeitig stattfindenen Übungen und zu welcher Konfusion diese führten, geht Schreyer dabei auf fünf einzeln nachgewiesende Verzögerungsaktionen des Col. Marr ein, die "Inkompetenz" als Muster schon arg strapazieren. Es ist weltweit das erste Mal, dass so konkret gezeigt wird, wie nur ein Hauptverantwortlicher wie die Spinne im Netz immer wieder für an Sabotage grenzende Verzögerungen der Luftabwehr bewirkte. Dies ist die eigentlich bahnbrechende Erkenntnis der Recherchen von Schreyer. Während man in den USA auf niemanden mit dem Finger zeigen wollte, gibt es anscheinend doch Schlüsselrollen, die eingehend und deutlicher untersucht gehören und bisher einfach nicht entsprechend aufgedeckt wurden. Hauptsächlich wegen der erstmaligen konkreten Aufdeckung der möglichen Rolle von Col. Marr im 9/11 Plot habe ich ein Interview mit Herrn Schreyer für das 911-archiv.net geführt. Auf die Frage, warum noch niemand vor ihm auf diese Erkenntnis gestoßen sei, ob sich noch niemand alle mittlerweile verfügbaren Quellen angeschaut habe, antwortete er, dass "offenbar [] sich bisher einfach niemand die Mühe gemacht [habe], all diese Dokumente miteinander abzugleichen".
Während die angesetzten Übungen möglicherweise noch von islamistischen Attentätern ausgeguckt werden konnten, fällt eine unschuldige Erklärung für die Lügen des Militärs bezüglich der Timelines schwer. Präziser und besser als hier in diesem Buch habe ich davon noch nicht gelesen. Was die Frage aufwirft, warum "Inkompetenz" keine persönlichen Folgen für niemanden hatte- was ebenso schwerlich erklärbar ist.
Allein dieses Kapitel ist es wert, das Buch zu lesen. Wenn man nach der Lektüre immer noch kein "Geschmäckle" an der offiziellen Darstellung findet, dem kann gar keine faktenbasierte Recherche bei der Erkenntnis helfen, warum der 11.09.2001 immer noch einen 2. Blick lohnt.
Anschließend untersucht Schreyer die Abwesenheiten von bestimmten Personen am 11.09.2001, die auffällig waren. Zum Beispiel seien Bush und Powell als Keyplayer moderater Art weit weg von Washington gewesen und auch gehalten worden. Während die Abwesenheit von Schlüsselpositionen, etwa der Verteidigungsminister, der Hijack-Koordinator oder Leiter des NMCC, die Herren Donald Rumsfeld, Michael Canavan und Montague Winfield die Umsetzung der Anschläge vom 11.09.2001 anscheinend entscheidend begünstigten. Waren diese Abwesenheiten wirklich zufällig oder koordiniert? Und von wem?
Im Epilog wird vor allem die Karriere von Cheney und Rumsfeld geschildert, und ihre vielfachen Beziehungen zum Thema "COG", also die Fortführung der Regierung im Katastrophenfalle, sowie ihre mögliche Motivation, ihre Macht in diesem Rahmen auszuüben. Ohne vorzuschlagen, dass sie selbst die Masterminds des Anschlags waren, macht einen diese geballte Information zumindest nachdenklich. Dass der 11.09.2001 wirklich ein Glücksfall für sie gewesen war, der opportunistisch für ihre Interessen ausgenutzt wurde, steht wohl außer Frage. Haben Cheney und Rumsfeld ihre Finger im Spiel gehabt und die Anschläge wenigstens zugelassen? Herr Schreyer stellt diese Frage nicht, sie drängt sich aber förmlich auf.
Fazit: Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, welches abseits aller Verschwörungstheorien die Sachlage bei drei der wichtigsten Themen zusammenfasst und gleichzeitig noch Hintergrundwissen über Schlüsselfiguren des Tages liefert. Allein schon für Stil, Prägnanz und Quellennachweise hat "Inside 9/11" 5 Sterne verdient, natürlich auch, weil sich überhaupt mal jemand traut, diese Sachverhalte anzusprechen. Mich beeindruckt allein schon, wie intensiv auch andere in die offiziellen Quellen eintauchen können und die Lügen und Falschdarstellungen darin derart sachlich aufarbeiten können. Gerade in der heutigen Zeit ist das bei vielen Journalisten und Rechercheuren nicht mehr unbedingt der Standard. Herr Schreyer ist dabei offensichtlich weltweit führend mit seiner Recherche und ein leuchtendes Vorbild. Zusammen hauptsächlich mit Bröckers / Walther mit ihrem nun vorgelegten Buch "11.9. Zehn Jahre danach- der Einsturz eines Lügengebäudes" zeigt sich, dass Deutschland einen Spitzenplatz innehat, was investigativen, sachlichen Journalismus zum Thema betrifft.