Ich bin kritisch, was Literatur über die Färöer betrifft, denn man liest doch immer wieder recht oberflächlich recherchierte Dinge oder manchmal Übersetzungen aus dem Dänischen, die ihrerseits schon Übersetzungen aus dem Färöischen sind, also "zweiter Hand". Wenn überhaupt mal färöische Literatur auf Deutsch erscheint. Ich glaube, im letzten halben Jahrhundert waren es rund 10 Monografien.
Diese Anthologie ist jedenfalls auf höchstem Niveau angesiedelt, was die Auswahl der wirklich repräsentativen Autoren und die Qualität der Übersetzungen aus dem Färöischen beweist.
Alleine William Heinesens "Nasse Heimat" als Opener ist ein echtes Goldstück (ok, ausgerechnet er schrieb auf Dänisch). Sie können es gefahrlos jedem Menschen vorlesen, und er wird verzückt sein. Alleine deswegen ist dieses Buch mehr als nur eine Sammlung der Literatur einer abgeschiedenen Inselwelt, sondern es zeigt, dass Weltliteratur auch an solchen Plätzen entsteht (immerhin schlug Heinesen einst den Nobelpreis aus).
Ich weiß nicht genau warum, aber besonders beeindruckt hat mich auch die Geschichte "Es ist gut, stark zu sein, Maria!" von Oddvør Johansen, die sich selbstkritisch mit der färöischen Literatur und einem jungen Dichterkollegen auseinandersetzt (Carl Jóhan Jensen, der seinerseits mit einer Geschichte im Band vertreten ist). Für mich ein Eindruck von Bodenständigkeit, die aber doch nicht ins Provinzielle abgleitet. Der färöische Humor ist sehr subtil, und ich finde ihn gerade in dieser Geschichte wunderschön wieder.
Auch sonst sind wahre Klassiker versammelt, die die Anschaffung alleine aus diesem Grund lohnen, zum Beispiel "Abal" von Sverre Patursson, oder "Purkhús" von Heðin Brú. Eigentlich ein Muss, für jeden, der sich mit nordischer Literatur beschäftigt.
Bonuspunkt (und daher alle fünf Sterne): Die umfassende Literaturgeschichte der Färöer und die Kurzbiografien der Autoren im Anhang. Hier zeigt sich erneut der Anspruch, ein Standardwerk färöischer Literatur in deutscher Übersetzung vorzulegen, das für sich alleine da stehen kann.
PS: Heute habe ich gesehen, dass die Landesbibliothek der Färöer ganze 12 Exemplare des Buchs im Bestand hat. Das ist ungewöhnlich viel und unterstreicht vielleicht auch die Bedeutung, die das Buch bereits jetzt in der Heimat der präsentierten Autoren hat.