Inseln jenseits der Zeit: Mit der FREYDIS durch MelanesienEin Seglerbuch? Ja und nein. Und wenn ja, dann aber kein typisches. Da ich selbst kein Segler bin, aber sich massgeblich solche im Familien- und Freundeskreis tummeln, habe ich mittlerweile viele »Seglerbücher« gelesen. Teilweise mit Gewinn, teils hat sich mir so manches nicht so recht erschlossen, insbesondere dann, wenn Rekordsucht und Technik im Vordergrund standen.
Ganz anders beim vorliegenden Band von Heide Wilts. Sie segelt zusammen mit Erich, ihrem Mann, seit Jahren auf der Freydis überall dort, wo Wasser ist - möglichst noch in Form von Eis.
Das hier zu besprechende Buch erschien 2008, fast 8 Jahre nach der eigentlichen Reise. Die Gründe sind zunächst nebensächlich. Sie sind unwichtig, eben weil es keine Schilderung des x-ten Segeltörns ist. Dennoch: Im Laufe der Erzählung klärt sich manches. Und es beweist, dass auch Segeln in wärmeren Gefilden nicht unbedingt »Barfussroute« bedeuten muss.
Wie schon bei den vorangegangen Büchern von Heide Wilts blättert man irgendwann auf die letzte Seite, klappt's zu, legt's zur Seite und denkt: Schade.
Denn trotz der beschränkten Zahl von 256 Seiten (man merkt häufig, wo mal mehr stand oder stehen könnte, was man jetzt gerne auch noch wissen würde; aber Verlage haben nun mal für »Abenteuerbücher« ein bestimmtes Format) ' es ist ein wirkliches Mammutwerk. Und nicht zuletzt dank der Hilfe von GoogleEarth ist heute alles absolut begreifbar und bis auf ganz wenige Buchten am Bildschirm nachvollziehbar. Ich war während dieser Tage der Lektüre wenig zuhause'
Das grösste »aha!« hatte ich schon zu Anfang bei der Schilderung der Weite des Pazifiks, ich hatte mir das noch nie so konzentriert und deutlich vor Augen geführt. Die Inseldetails natürlich sowieso nicht. Denn mit dem Verlassen unserer Kindheit lassen wir ja meist auch Robinson Crusoe, die Schatzinsel, den Seewolf und all die »wilden Kerle« und ihre Verstecke, die tanzenden Ureinwohner und das Gruselige hinter uns.
Es war und ist ein grosser Gewinn für mich, auch an all das wieder erinnert zu werden und es mit heutigem Wissen abzugleichen.
Vielleicht, und das nur ganz kurz, noch zum Grund der Reise: Das Magazin "GEO" plante Berichte über Melanesien und wählte die robuste Freydis mit Heide und Erich Wilts aus, um mit Journalisten und Fotografen ' insgesamt drei Teams - dort durch das Inselgewirr zu kreuzen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass es manchmal viel Toleranz benötigt, wenn man derart aufeinander angewiesen ist, auf kleiner Fläche und unter beengten räumlichen Verhältnissen; und auch, dass der »Skipper un' sin Fru« mehrfach einen extrem dicken Hals hatten. Es wäre daher auch interessant, nach den GEO-Heften zu fanden und danach, was denn die Passagiere im Gegensatz zur Autorin so fabuliert haben. Jedenfalls fällt so auch eine, wenn auch verhaltene, soziologische Studie über Kleingruppen mit ab.
Was passiert, wenn man so von Insel zu Insel segelt? Zu Inseln, die heute noch in einer Abgeschiedenheit liegen, mit Menschen, deren Leben sich weit ab vom Eis spendenden Kühlschrank und in grosser Abgeschiedenheit, ja Einsamkeit abspielt, welche Eindrücke sammelt man, was erfährt man auch über sich selbst und unsere »tolle« Kultur, die wir meinen, weltweit ohne Unterlass verspritzen zu müssen? Wälder und Berge, Riffe und Atolle, klar. Aber auch Eingriffe fremder und gefrässiger Technik in diese doch noch paradiesischen Eilande. Eine grosse Wehmut kam in mir auf.
Heide Wilts zeigt uns auch dieses Bild: Zerstörte Bergwälder, ausgeraubt und zerschlissen zurückgelassen von australischen Kupfermineuren. Das zerstörte Paradies. Zerstört durch unsere Welt und ihre Gier.
Jedenfalls habe ich festgestellt, dass auch diese Form des Reisens, das Lesen von "Segelbüchern", begleitet und unterstützt von GoogleEarth beim Umrunden der Inseln und ihrer Buchten ' dass Lesen auf diese Art bildet und den Horizont weitet.
Heide Wilts ist etwas Hervorragendes gelungen. Denn sie führt uns, am Tagtäglichen vorbei, nicht nur in den Urwald und auf Vulkane, zu den Menschen (und das sehr dicht), zu ihren Ritualen, Festen und Sorgen - sie liefert uns auch unterhaltend die historischen und die aktuell politischen Hintergründe; eine umfassende Literaturarbeit steckt da dahinter bzw. lag da davor.
Nur: Wer weiss es und wer liest es? Na, vielleicht Sie...