Auch wenn bei bisherigen Beschreibungen fast durchweg 5 Sterne vergeben wurden, kann ich mich dieser Begeisterung leider nicht anschließen.
Davon abgesehen, dass der Schreibstil wenig flüssig ist (was an der Übersetzung liegen mag), erinnert mich die Handlung eher an eine, nach Kreta verlagerte, bedenklich überzogene englische Seifenoper, als an eine kretische Familiengeschichte in den 30er- bis 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Beim Lesen hatte ich durchweg schwere Zweifel an den Kenntnissen der Autorin über griechische Sitten, Gebräuche, Geschichte und Mentalität, auch dahingehend, ob sie jemals an einem orthodoxen Gottesdienst oder einem landesüblichen Begräbnis teilgenommen hat.
Griechenland und insbesondere Kreta war bis vor wenigen Jahrzehnten stark geprägt durch Tradition und Patriarchat. Mädchen wurden früh zu Haushalt, Hand- und Gartenarbeiten herangezogen, da sie zwischen 14 und 18 Jahren verheiratet wurden. Das Herstellen einer eigenen Aussteuer (Prika) war ein absolutes Muss. Sich gegen diese Tradition zu wehren, wäre keinem Mädchen in den Sinn gekommen. Allüren, wie die 21jährige Anna im Roman sie zeigt, hätten allenfalls zu Tratsch, Scham, Schlägen und zum gefürchteten "Sitzenbleiben" des Mädchens geführt.
Erstaunt las ich über einen kretischen Fischer, der (um die Zeit des Bürgerkriegs!) seine Tochter mit einem fast unbekannten jungen Mann, der noch nicht mal deren Verlobter war, regelmäßig ausgehen ließ. Völlig unvorstellbar in der damaligen kretischen Gesellschaft, die mit Adlerblicken die Jungfräulichkeit ihrer Mädchen hütete. Ein junger Mann bekam seine Braut, die überwiegend vermittelt wurde, vor der Hochzeit allenfalls in der Kirche, beim Wasserholen oder Festtagstanz zu sehen. Als Mädchen von sich aus einen Mann zu küssen, wäre der sicherste Weg gewesen, umgehend in Verruf zu kommen. Auch hätte der Jüngling solches Betragen als glatte Aufforderung verstanden, der er sofort versucht hätte nachzukommen.
Ebenso unglaubhaft ist Annas brave Schwester Maria, die ihren Arzt zum Kaffee alleine in ihr Haus einlädt. Die gesamte Nachbarschaft hätte sich das Maul zerrissen und das Mädchen sich danach vor massenhaften Zudringlichkeiten nicht mehr retten können.
Absurd wirkt genauso der kretische Fischer, der "in seinem Wagen nach Hause fuhr", als in Griechenland noch gehungert wurde. Ich kann mich gut an Nordgriechenland erinnern, als dort noch in den Neunzigern, einige Fischer mit dem Moped fuhren, da die Anschaffung eines Autos noch nicht einmal in deren Träumen möglich war.
Auf diese Weise könnte man noch lange weiterschreiben über:
- griechischen Kaffee, der so viel anders zubereitet wird, wie hier dargestellt;
- lange im Voraus ausgesprochene Einladungen, die in dieser steifen Art in Griechenland niemals üblich waren;
- ins Kafenion gehende und Ouzo trinkende griechische Frauen;
- unüberbrückbare, aber hier fast nicht ins Gewicht fallende Standesunterschiede;
- jahrelang schon von Lepra befallene Menschen, die fast ohne auffällige Symptome, unbeeindruckt ihren Aufgaben nachgekommen sind (auch bei der weniger aggressiven Form fallen buchstäblich die Glieder von den Stümpfen! Siehe hierzu z.B.:
http://lepra-tuberkulose.de/lepra/infkt_06.html), usw.
Eigentlich sehr schade! Das Thema ist außerordentlich interessant. Mit einer glaubhafteren Geschichte, basierend auf soliden Recherchen, vielleicht mit einigen Fotos und einem Index (zu den griechischen Ausdrücken) versehen, wäre es ein beachtenswertes Werk geworden. Wer gerne Historisches über Griechenland liest, ist mit anderen Büchern, auch griechischer Autoren besser bedient. Über die Leprakrankheit (weniger über Spinalonga) gibt es einige nützliche Internetseiten, die bedeutend informativer sind, als das vorliegende Buch.