Neue Zürcher Zeitung
Von kleinen und grossen Kubas - Ein «Castroismus» nach Castro? Je länger das Leben des seit nunmehr über 45 Jahren herrschenden Fidel Castro währt, umso drängender steht die Frage bezüglich Kubas Zukunft nach seinem Tod im Raum. Interessanterweise wagt sich kaum ein Autor auf das Terrain der Antwort auf diese Frage. Michael Zeuske bildet hier eine Ausnahme. Der 1952 in der DDR geborene Autor, der seit 1993 an der Universität Köln iberische und lateinamerikanische Geschichte lehrt, hat sein im Oktober 2000 erstmals erschienenes Werk «Insel der Extreme» für die nun vorliegende Neuauflage nicht nur um die Hälfte erweitert, sondern dabei auch ganze Kapitel umgeschrieben und neu gewichtet. Zeuske, dessen eigene Biografie im Gegensatz zu den meisten anderen deutschsprachigen Autoren von Kuba-Sachbüchern eng mit Kuba verbunden ist (er lebte in den 1960er Jahren mit seinen Eltern während einiger Zeit auf Kuba, wo sein Vater im Bildungswesen tätig war), gehört zu jenen Kubanologen, die dem dort herrschenden System auch nach dem Ableben der Führerfigur eine Überlebenschance einräumen. Für Zeuske ist der «Castroismus» ein stark in der Bevölkerung verwurzelter Nationalismus, der sich als eine Variante lokaler Gegenwehr gegen die imperiale Vereinnahmung auch nach dem Ableben des Comandante halten wird. Das kubanische System sei eine «kreative atlantische Transkulturation aus Insel-Nationalismus, euro-kreolischem Staatskonzept und charismatischer Herrschaft mit caudillistisch-bonapartistischen Elementen», heisst es im Schlusskapitel. Es trägt den Titel «Epilog 2004: Castroismus mit und ohne Fidel Castro» und ist der Abschluss des Teils «Kuba seit 1990». Hatte Zeuske in der Erstauflage die Stärke von Kubas eigenständiger und vielfältiger Kultur vage als ein zentrales Moment für den Fortbestand des Inselstaates als eigenständiger Nation aufgeführt, so steht dieser Fortbestand für ihn heute ausser Frage. Für Zeuske ist klar, dass es letztlich dieser von Castro geschickt benutzte Nationalismus ist, der auch nach seinem Tod allfällige Annexionsgelüste seitens extremistischer Exilkubaner in den USA von vorneherein als ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen erscheinen lassen wird. Der Autor hat in diesem Zusammenhang die Theorie der «kleinen und der grossen Kubas» entwickelt. Der durchaus originelle Ansatz basiert auf der Annahme, dass die Geschichte Kubas immer ausserhalb ihrer tatsächlichen Grössenverhältnisse gestanden sei. Zeuske verweist dabei auf Tatsachen wie jene, dass das Land im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts während längerer Zeit der Welt grösster Zuckerexporteur war oder dass es während der drei Jahrzehnte des Eingebettetseins in das «sozialistische Lager» nicht nur die Insel der Experimente und der Träume war, sondern auch beanspruchte, Weltpolitik zu betreiben. Solches skizziert Zeuske unter dem Begriff der «grossen Kubas», von denen er heute etwa in der Art, wie das touristische Kuba amtlicherseits vermarktet wird, immer noch letzte Relikte sieht. Diesen stellt er als gangbare Alternative die «kleinen Kubas» gegenüber, womit er etwa in die tief verwurzelte kleinbäuerliche Tradition des Landes oder den Erfindungsreichtum in den Subsistenzlebensformen weiter Bevölkerungskreise meint. Generell ortet Zeuske denn auch die Krise Kubas zuerst in dem herrschenden absurden und ineffizienten Wirtschaftssystem, das jegliche Eigeninitiative abwürgt. Doch natürlich ist auch er sich im Klaren darüber, dass ohne tiefgreifende Veränderungen auf politischer Ebene sich keine grundlegende Verbesserung der Lage der kubanischen Bevölkerung ergeben wird wobei er immer noch davon überzeugt zu sein scheint, dass Veränderungen, zumindest theoretisch, von der jetzigen Führung ausgehen könnten. Auch wenn man darüber geteilter Meinung sein kann, bleibt «Insel der Extreme» in der Fülle politischer Sachbücher zu Kuba eines der wichtigsten dies allein schon deshalb, weil es sonst im deutschsprachigen Raum kaum ein anderes Werk gibt, das Kuba genau in jener Zeitspanne, da es als unabhängiges Land existiert, so umfang- und kenntnisreich abhandelt. Geri Krebs
Kurzbeschreibung
Kuba im 20. Jahrhundert
Die erste Analyse der Geschichte Kubas im 20. Jahrhundert, hochaktuell für die Frage, was nach Castro auf der Insel für ein Wind wehen wird.Kuba ist das letzte Land der westlichen Hemisphäre, das sich "sozialistisch" nennt. Doch heute fragt sich alle Welt, wie die Ära nach Fidel Castro ausehen wird. Um dies beantworten zu können, ist die genaue Kenntnis der Geschichte notwendig.
Das vorliegende Buch des Kölner Historikers Michael Zeuske ist die bislang einzige geschlossene, konzise Darstellung der kubanischen Geschichte des eben zu Ende gegangenen Jahrhunderts. Es gibt auf einer breiten Basis der Literatur zum Thema einen gut lesbaren Überblick.
"Insel der Extreme" konzentriert sich auf Grundetappen und Grundlinien der bewegten Geschichte der Insel; arbeitet Brüche (Unabhängigkeitskrieg und erste Okkupation durch die USA, die Revolutionen und der Beinahe-Kollaps nach 1989) und Kontinuitäten (erste, zweite und dritte Republik, Entwicklung des kubanischen Inselnationalismus) heraus. Vor diesem Hintergrund konzentriert sich das Buch auf die Darstellung der inneren Machtverhältnisse, der Beziehungen Kubas zu den Großmächten und der Problematik einer eigenständigen Wirtschaftsentwicklung.
Aufschlussreich ist dabei auch der neue Ansatz, Kultur und Mentalität der Kubanerinnen und Kubaner, die karbische Kreativität, die Musik, aber auch das einmalige Verhältnis zwischen schwarzen und weißen Menschen auf Kuba in die Betrachtung einzubeziehen.
Michael Zeuske, geboren 1952, ist Professor für iberische und lateinamerikanische Geschichte an der Universität Köln. Zahlreiche Publikationen zu Kuba.