Diese Besprechung ist vor zehn Jahren schon einmal geschrieben worden - unter dem Namen "§ein Kunde". Der Verfasser war über viele Jahre hinweg ein guter Freund des Dichters und Literaturwissenschaftlers Richard Exner, der leider im letzten Jahr verstorben ist. "Ein Kunde" also outet sich jetzt - auch im Sinne einer dankbaren Erinnerung an den Freund.
Es wäre absolut verfehlt, "Das Marien-Leben" von Rilke als eine religiöse Dichtung, als eine Art Erbauungsliteratur zu sehen. Weder waren die Gedichte vom Dichter so angelegt, noch können sie so gelesen werden. Was allerdings wirklich hinter dieser wunderbaren Dichtung, dieser Biografie in Versen steckt, stellt uns der Literaturwissenschaftler und Dichter Richard Exner vor. Nach Exner ist "Das Marien-Leben" eine "sehr weltliche und eine sehr metaphysische Dichtung", die uns bei aller Spiritualität und Vergeistigung eine säkularisierte Maria zeigt, "eine Frau des Himmels und der Erden", eine sehr irdische Frau, die Schmerzen und Freuden erlebt und Erfahrungen von Verlust, Leiden und Tod gemacht hat. Rilke, ausgestattet mit einer besonderen Sensibilität allem Weiblichen gegenüber, macht an dem Beispiel Mariens die Grunderfahrungen eines Frauenlebens fest, die Erfahrungen von Liebe und Geburrt und Mutterschaft. Richard Exners Essay zu diesem wunderbaren Gedichtzyklus des engelgleichen Dichters zeigt den schöpferischen Kontext, in dem das kleine Werk 1912, parallel zu den beiden ersten "Duineser Elegien" entstanden ist. Er benennt die Orte, die in Zusammenhang mit den Gedichten stehen und verweist vor allem auf Venedig, in dem wohl "Das Marien-Leben" spielt. Und dies tut Exner mit aller wissenschaftlicher Akribie und umfassender Quellenangabe. Auch belegt Exner nachvollziehbar, dass die beiden Gedichte aus dem Januar 1913 "Himmelfahrt Mariae" zu dem Marien-Zyklus gehören. So liegt dieses kleine Werk erstmals sozusagen "vollständig" vor uns und eröffnet einen ganz neuen Blick und ein ganz neues Verständnis. Richard Exner (1929 - 2008) hat sich als Universitätslehrer immer wieder mit Rilke beschäftigt. Auch sein dichterisches Schaffen ist von Rilke nicht unbeeinflusst geblieben ("Ein Sprung im Schweigen", "Die Zunge als Lohn", "Gedichte 1991-1995"). Dies macht seine Arbeit zu einer interessanten und spannenden Auseinandersetzung mit dem "Marien-Leben". Zudem handelt es sich um eine ausgesprochen schöne und bibliophile Ausgabe. Es stellt die Dichte Rilkes, der sehr stark von der bildenden Kunst beeinflusst war, zusammen mit berühmten Mariendarstellungen bildender Künstler wie Tizian, El Greco, Tintoretto und anderer vor. Darstellungen, denen Rilke während der Entstehung des Zyklus begegnet sein dürfte. So ist dieses Buch ein kleines Gesamtkunstwerk.