Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich mir das Buch gekauft habe, weil mich die Thematik an sich interessiert hat, nicht in erster Linie, weil ein deutscher Journalist im Iran im Gefängnis gelandet ist, sondern weil ich mir erhofft hatte, ein wenig mehr Einblick in die Methoden des Regimes im Iran zu bekommen; und das auch oder gerade weil ich nicht blauäugig bin, was die Methoden im Iran betrifft. Wer sich einigermaßen für globale Politik interessiert weiß, dass viele Dinge im Iran "im Argen" liegen und es sich um ein völlig anderes System als das in Deutschland handelt. Umso mehr fragt man sich da, warum ein Journalist aus Deutschland, der sich der Situation im Iran bewusst sein muss, in dieses Land reist, um dort Recherchen über einen Fall anzustellen, den die iranische Regierung lieber vor der internationalen Öffentlichkeit totschweigen würde.
Natürlich kann man in diesem Moment sagen: "Journalismus ist investigativ und es liegt in der Pflicht eines Journalisten, die Öffentlichkeit über Missstände aufmerksam zu machen!". Problematisch an diesem Buch finde ich allerdings, dass nicht wirklich deutlich wird, warum Markus Hellwig in den Iran gereist ist. Sicher, er wollte recherchieren wegen dem Fall Sakineh Ashtiani, er wollte aufklären, der Sache auf den Grund gehen. Aber (so wie er anfangs darstellt) aufgrund des "Schocks über die iranische Regierung" wird er wohl nicht diese Reise angetreten haben. Allein im zweiten Kapitel, in dem ein iranischer Bekannter ihm von seinem Cousin erzählt, dem die Ausreise aus dem Iran verweigert wurde, zeigt an der Reaktion Hellwigs, dass ihn das Thema (zumindest vorher) nicht interessiert. Wer auf so etwas mit "Ach, ich fahre in drei Wochen nach Kanada zu meiner Schwester in die Sommerferien, hoffentlich haben wir gutes Wetter!" antwortet, zeigt nicht gerade großes Mitgefühl. Auch mit dem Nebensatz: "Ich wollte das Thema wechseln." ist es für mich da nicht getan.
Vielleicht ist das eine der Hauptgründe, warum mir das Buch ein wenig sauer aufgestoßen ist: so sehr die Geschichte auch auf den ersten Blick wirken mag, als ginge es um einen Journalisten, der um der Gerechtigkeit willen einen Artikel schreibt, es täuscht nicht über die einzelnen Szenen hinweg, in denen Hellwig von sich, sich und dreimal sich redet und in denen nicht wirklich ein Eindruck von Mitgefühl für andere aufkommen mag. Das ist zwar nicht durchweg so, aber speziell am Anfang kam mir das relativ unsympathisch vor. Auch bei seiner Reise durch den Iran vor der Verhaftung wirkt Hellwig zumindest in der Weise, wie er alles beschreibt, eher lustlos an der ganzen Geschichte.
Nun geht es allerdings nicht um die Sympathie des Autors, sondern um die Geschichte an sich. Dabei ist mir aufgefallen, dass das Buch sich nicht so wirklich entscheiden mag, ob es nun ein Erlebnisbericht beruhend auf Tatsachen sein soll oder doch lieber ein spannendes Drama mit Rückblicken und Zeitsprüngen (die in einem Sachbuch beim Lesen wahnsinnig nervig sein können!) sein möchte. Ein Schelm, wer bei dem Buch denkt, dass es wahrscheinlich nur deswegen so aufgebaut wurde, damit sich der Stoff in spätestens zwei Jahren zu einem mittelprächtigen TV-Thriller verbraten lässt. Vom Schreibstil her ist das Buch meiner Meinung nach für einen Journalisten eine Katastrophe - er kann sich einfach nicht entscheiden, ob er nun den harten Mann markieren will (und dabei mehrfach "Full Metal Jacket" zitieren muss), der alles schafft und versucht, stark zu bleiben... oder ob er doch lieber der Softie sein will, der hundert Mal seine Tochter vermisst und dessen Herz auf jeder zweiten Seite bricht. Bei allem Verständnis für die Situation, die Quantensprünge von hart auf weich, von Fakten auf Gefühlsduselei, waren mir einfach manchmal zuviel.
Allerdings muss ich dem Buch zugute halten, dass die Erlebnisse von Hellwig wichtig sind, weil sie die zum Teil für uns Deutsche unvorstellbaren Zustände in einem iranischen Gefängnis aufzeigen. Die 131 Tage und die unvorstellbar stressige und schwierige Situation sind auch der Grund, warum das Buch nicht total bei mir abfällt. Man muss ihm zugute halten, in welcher Angst er täglich dort gelebt haben muss. Aber: ist das Buch sachlich und informativ? Eher selten. Es macht sich wohl der plakative BILD-Journalismus zu sehr in diesem Buch breit.
Fazit: Man kann sagen, dass Hellwig seinen Auftrag, seine Erlebnisse massengerecht aufzuschreiben, erfüllt hat. Ob das nun beim Lesen wirklich befriedigend ist, sei jedem selbst überlassen (Geschmäcker sind ja auch verschieden). Für mich war der Mix aus klischeeträchtigem Gut/Böse Gefecht zwischen dem armen gefangenen deutschen Journalisten und den bösen iranischen Behörden, Geheimdienstlern und Gefängniswärtern ein wenig zu sehr Schwarz-Weiß-Malerei. Außerdem ist das Buch vom tatsächlichen Informationsgehalt so dünn, dass man gut ein Drittel hätte weglassen können. Zuviel Gefühlsduselei, die nie so in die Tiefe geht, dass sie packend ist oder Unterhaltungen, die so unwichtig sind, dass man sich fragt, warum sie überhaupt in dem Buch stehen. Für mich muss das Buch nicht noch einmal sein - ich hab's gelesen, hätte es aber für mein Leben nicht gebraucht! Da lese ich lieber wirklich informative und sachliche Bücher zum Thema.