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Ins Weiße zielen
 
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Ins Weiße zielen [Gebundene Ausgabe]

Ricardo Piglia
4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach; Auflage: 1. (28. September 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3803132320
  • ISBN-13: 978-3803132321
  • Originaltitel: Blanco nocturna
  • Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 14,2 x 2,4 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 125.735 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Pressestimmen

»Der erfolgreiche Autor überzeugt mit diesem Werk erneut von seiner Kreativität und seinem erzählerischen Talent.« (Kurt Scharf, arte.tv)

»Piglias Roman bietet ein großartiges und intelligentes Lesevergnügen von famoser stilistischer Eleganz auch in der deutschen Übertragung, die Carsten Regling mit bewundernswerter Souveränität besorgt hat.« (Volker Breidecker, Süddeutsche Zeitung, 03.02.2011)

Kurzbeschreibung

Wieso musste Tony Durán sterben? In seinem lang erwarteten neuen Roman entführt uns Ricardo Piglia in die trügerische Ruhe der argentinischen Provinz. Während alle Welt glaubt, der schwule Japaner Yoshio habe den Ausländer Durán getötet, entwickelt Kommissar Croce mit Hilfe des aus Buenos Aires angereisten Journalisten Renzi seine eigene Theorie: Waren es wirklich nur die körperlichen Reize der Zwillingsschwestern Ada und Sofía Belladona, die Durán in die Pampa gelockt haben? Was hatten deren Vater und Bruder, die Besitzer der hiesigen Fabrik, mit dem Opfer zu schaffen? Was hat es mit dem Erbe der irischen Mutter der Zwillinge auf sich? Und was nur hat Cueto, der aalglatte Staatsanwalt und Intimfeind Croces, zu verbergen? Piglia bietet alles auf, was das Genre des Kriminalromans hergibt um die Gemeinplätze der Gattung am Ende auszuhebeln und zu zeigen, dass nichts so ist, wie es scheint. Dabei gelingt ihm die Quadratur des Kreises: ein Buch, das sich liest wie ein Krimi und doch keiner ist.

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11 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Günter Nawe "Herodot" TOP 100 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Wer hat Tony Durán ermordet? Die klassische Frage, auf die normalerweise und mit großer Selbstgewissheit Kriminalromane eine Antwort geben. Eine solche Antwort hat auch Ricardo Piglia. Der 1941 geborene argentinische Autor, er zählt zur bedeutendsten argentinischen Schriftstellern, hat einen Krimi vorgelegt, der eigentlich keiner ist. Oder anders: der das Genre des Kriminalromans sprengt.

Mord in der Pampa also. Kommissar Croce begibt sich auf der Suche nach dem Täter. Der windige Staatsanwalt Cueto dagegen glaubt ihn bereits zu haben. Zwei Schwestern hatten sehr engen Kontakt mit dem Mordopfer Durán, das ebenfalls eine zwielichtige Rolle spielt. Der kleine Japaner, ein Nachtportier, wird eingesperrt. Ein Jockey liebt sein Pferd mehr als sein Leben. Und der Kommissar nimmt sich eine "Auszeit" im Irrenhaus. Auch der Journalist Rienzi hat eine Theorie und recherchiert auf seine Weise.

Da gibt es aber auch noch die Familie Belladonna, Land- und Fabrikbesitzer mit etwas eigenartigem Geschäftsgebaren. Was hat der Chef mit dem Mordopfer zu tun? Geht es um Spekulation oder Liebe? Piglia hat alle Versatzstücke, die zu einem Krimi gehören, in dieses Buch hineingepackt - und sie so miteinander verknüpft, dass am Ende nichts ist, so wie es scheint. Aber "alles ist so, wie wir es kennen, bevor wir es sehen". Und die wesentlichen Fragen werden woanders gestellt und beantwortet. So entstehen quasi "Annalen der Boshaftigkeiten und Verleumdungen in der argentinischen Pampa".

Denn dieses Buch ist eine großartige Bescheibung der argentinischen Wirklichkeit in den siebziger Jahren: Bodenspekultation, verbrecherischer Aktienhandel, eine korrupte Justiz und alles in der Erwartung der Rückkehr von Perón. Eine Gesellschaft, in der Einzelne sich nur schwer zurecht finden kann. Man lebt in einer Kultur, die längst "nicht mehr weiß, was Wahrheit" ist. "Die Geschichte der argentinischen Politik bewege sich auf Bodenhöhe, während alle übrigen Ereignisse in der Höhe vorbeizögen, wie ein Schwalbenschwarm, der im Winter fortzieht", heißt es an einer Stelle.

So auch Luca, Sproß der Fabrikantenfamilie Belladonna, die den Ruin ihres Unternehmens erleben muss. Er bringt den "Mut auf, sich seinem Traum zu stellen", den Traum einer Künstlerexistenz. Hunderttausend Dollar sind geblieben, sollen als Hypothek für das Fabrikgelände dienen. Sie liegen bei der Staatsanwaltschaft und werden nur freigegeben, wenn der Japaner verurteílt wird. Von Luca hängt es ab. Seine Aussage wider besseres Wissen macht ihn schuldig. Er bekommt das Geld, muss aber mit der Schuld einer Falschaussage leben - und kann es letztlich nicht.

Dies alles zusammen ergibt ein wenig schmeichelhaftes Bild der argentinischen Gesellschaft und eröffnet zudem tiefe Einblicke in die Seelnlage der Figuren: vom vegetarischen Gaucho über den Matetrinker mit den literarischen Interessen bis zum korrupten Staatsanwalt; von den Opfern der Gesellschaft bis zu ihren Tätern. Von Croce, der ehrlichen Haut, bis zur Renzi, dem Journalisten auf der Suche nach der Exklusivstory. Piglia bietet faszinierende Psychogramme.

So komplex wie die Geschichte und so facettenreich und unterschiedlich wie die handelnden Figuren ist auch das Buch. Alles zielt ins Weiße, um den Romantitel aufzunehmen, ins Zentrum der Dinge. Ricardo Piglia erzählt davon auf mehreren Ebenen, bemüht gekonnt Philosophie und Psychologie, verknüpft die verschiedene Theorien miteinander, um dann den Knoten wieder zu lösen. Er hat einen hervorragend konstruierten Roman geschrieben, sprachlich brillant und von außerordentlicher Tiefe. Es wechseln "die Wörter ständig ihren Ort und erlaubten ganz unterschiedliche, zur selben Zeit simultane wie aufeinanderfolgende Lesarten der Sätze".

Die Mutter der Belladonna-Schwestern hat alles gelesen, was ihr an Weltliteratur in die Hände kam. "Nur argentinische Schriftsteller liest sie nie, sie sagt, die Geschichten würde sie schon alle kennen". Und weil das für uns nicht gilt, sollten wir das Meisterwerk von Ricardo Piglia lesen.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Ein Kriminalroman, der am Ende des Tages den Mordfall nur aufnimmt und als roten Faden durch das Buch laufen lässt, um aus vielfachen Perspektiven das argentinische Alltagsleben in den 70er Jahren nach den großen, politischen Veränderungen, angesichts von Wirtschaftskrise, Hoffnungen, Neuanfang nach dem Sturz Perons und vielfachen, auch durch Intrigen vorangetriebenen, Überlebensversuchen in den Blickpunkt zu rücken, so stellt sich Ricardo Piglias neues Buch dar.

'Wie in allen kleinen Orten der Provinz Buenos Aires gab es auch hier an einem einzigen Tag mehr Neuigkeiten als in irgendeiner großen Stadt in der ganzen Woche, und der Unterschied zwischen den lokalen Informationen und den landesweiten Nachrichten aus dem Fernsehen war so gewaltig, dass die Dorfbewohner gelegentlich der Illusion erlagen, sie würden ein interessanteres Leben führen'.

Zumindest in der Gegenwart des Buches ist dies fast sogar wahr in diesem kleinen Provinznest. Tony Durán, ein klassischer 'Glücksritter', meinte, das große Los gezogen zu haben. Eine Affäre mit den Belladonna Zwillingsschwestern (mit beiden zugleich, versteht sich) und zusätzlich (einseitig ist Tony auf gar keinen Fall, wenn diese Affäre auch heimlich von ihm gehalten wird), mit einem Mann noch, sind ständiges Tagesgespräch im Dorf. Spekulationen und Fantasien erhalten freien Lauf.
Bis jener Tony Durándo ermordet aufgefunden wird. Erstochen. Und mit einer Menge Geld, die gefunden wird. Soweit traf das 'große Los' also nicht zu. Oder konnte nicht wirklich dauerhaft genossen werden, das wohl eher.

Der introvertierte, für seine verschlungenen und kaum zugänglichen Ermittlungspfade bekannte Kommissar Croce, findet schnell heraus, dass der offenkundig Tatverdächtige nicht der Mörder sein kann. Auf dem Weg seiner Ermittlungen, auch dies im Buch in kraftvoller und wunderbar eingängiger Sprache dargestellt, rollt sich die gesamte Familiengeschichte der Belladonnas im auf. Dies allerdings schon, notgedrungen, fast ohne sein Zutun, denn Croce wird erfolgreich von höherer Stelle an zu entlarvenden Ermittlungen gehindert.

Dennoch, Hintergründe werden sichtbar, die immer mit den aktuellen Situationen und der konkreten Lage in Argentinien verbunden und verwoben werden.
Mehr noch, Letztendlich gelingt es, mit der Hilfe eines Journalisten aus der Stadt, die wahren Hintergründe im rahmen einer umfassenden Familiengeschichte der Belladonnas, offen zu legen.

Dies aber darf, soll nicht sein. Hier wendet sich das Buch. Aus dem Kriminalfall wird eine intensive Zustandsbeschreibung der Verhältnisse im Land. Verhältnisse, die es verhindern, dass die Gerechtigkeit siegt. Aufgeklärt wird der Fall vielleicht, gelöst aber nicht, weil das nicht sein soll. Soweit, dass Croce, zum Ende des Buches hin, 'das Haar ergraut mit Spuren einer 'möglichen Demenz' in seinen hellen Augen', einer abschließenden Zeremonie auf einem Friedhof distanziert beiwohnen wird. Auch sein weiterer Weg bleibt offen.

Bis dies allerdings in den Raum tritt, hat Piglia eine Menge zu erzählen vom Leben und Überleben in Argentinien, von Hoffnungen und Geschäften, von Ohnmacht und Mut, von Verwirrung und zerstörten Illusionen. Dass das Buch nicht im Hilflosen und Hoffnungslosen zum Ende hin verhaart, dass manche der Protagonisten trotzdem (und nicht weil) die Dinge so laufen, wie sie laufen, ihren Weg weiter unter die Füße nehmen, das ist ebenso das Verdienst der Erzählweise Piglias, wie seine analytischen Fähigkeiten auf dem Hintergrund seines profunden, wirtschaftlichen Wissens, einen ungeschminkten und entlarvenden Blick auf die Verhältnisse in Argentinien eröffnen.

Ein intelligentes Buch voller Einblicke in das Leben Argentiniens, mit überzeugenden, melancholischen, allseits ihr Glück suchenden Figuren, die eben nicht ins schwarze Treffen, sondern letztendlich doch immer nur ins Weiße zielen. Ein ganz hervorragendes Buch. Viel mehr der Belletristik zuzuordnen denn dem Genre des Kriminalromans.
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