Ich wollte sie ja wirklich nicht mögen. Echt nicht. Ich hab alles versucht. Und was ist jetzt? Völlig verliebt sowohl in die Frau, als auch in die Musik schreib ich diese Zeilen. Tja, was ist passiert? Nicht viel, abgesehen davon das ich das Album gehört habe und das jetzt schon dutzende Male. Das überraschende daran ist vor allem die Tatsache, dass ich schon nach dem ersten Durchlauf völlig hin und weg war, sabbernd auf dem Fußboden lag und sofort nach Tourdaten Ausschau gehalten habe.
Es bleibt mir nichts anderes zu sagen, als: Das Album ist das beste was ich seit langem gehört habe! Aber der Reihe nach....
Jennifer Rostock. Blöder Name. Eine der wenigen die Bands, die man zwar vor Bekanntgabe der Bands für den Bundesvision Songcontest nicht kannte, aber trotzdem vor ihrem Auftritt beim selbigen. Spätestens seit der Show sollte man sie als musikalisch interessierter BoardHeller kennen. Ich rate dazu.
Wonach klingt die Band? Gute Frage. Man sollte nicht den Fehler machen und sie alleine aufgrund der Konstellation (Frontfrau und sonst nur Buben) mit Wir Sind Helden, Silbermond oder Juli in einen Topf zu werfen. Gut, Gedanken, die man besser nicht denkt und Tier in dir erinnern teilweise doch schon etwas an Silbermond, aber sowohl textlich da wird sogar Goethe rezitiert, woho - , als auch stimmlich befindet man sich jetzt schon in einer ganz anderen Liga, als die Kollegen. Optisch selbstverständlich auch. Aber das ist egal.
Die Kombination aus Elektro, Punk und Einflüssen der neuen deutschen Welle ist bestimmt nicht neu, aber trotzdem schaffen sie es originell zu klingen. Nicht zuletzt dank der kratzig-röhrenden Stimme der guten Jennifer.
Was kann man erwarten, wenn man bisher nur Kopf oder Zahl gehört hat und nicht unbedingt abgeneigt war? Hmm. Ein Album das man mit Sicherheit mögen wird! Garantiert. Vielleicht lehne ich mich etwas zu weit aus dem Fenster, aber man kann mit dem Kauf des Albums eigentlich nichts falsch machen.
Der Opener, Feuer, klingt ähnlich wie Kopf oder Zahl und erfüllt selbst die höchsten Erwartungen. Ein frecher Text kombiniert mit NDW/Retropunk. Gib mir Feuer und dann geh bitte wieder heim. Die Zigarette danach raucht sie also lieber allein. Soso.
Mit Blut Geleckt zeigt die aus Rostock stammende Frontfrau, dass sie auch ein zartes Stimmchen im Angebot hat. Die Strophen werden gefühlvoll vorgetragen und wenn sie von Rinderfleisch in Dosen und Monotonie vom Fass singt, klingt das glücklicherweise keineswegs peinlich. Im Refrain wird dann trotzdem wieder gut gerockt.
Einfache, fröhliche, eingängige Songs, wie Nichts tät ich lieber und Wer hätte das gedacht (Dein Gefühl hat mich gefesselt, in unserer ersten Nacht. Das Gefühl ist weg, die Fesseln nicht. Wer hätte das gedacht?!), die auch mit netten Elektrospielereien aufwarten können, wechseln sich mit poetisch-angehauchten, balladesken, eigentümlichen, aber dennoch massentauglichen Songs ab. Gedanken, die man besser nicht denkt und Tier in dir sind Musterbeispiele dafür. Da kann es schon mal passieren das man Gänsehaut bekommt, was mir übrigens häufiger passiert ist.
Ein kleiner, unerwarteter Stilbruch folgt mit Mein Parfum. Schmachtend singt Jennifer ihren Exfreund an und klingt verdächtig nach Chanson. Es ist einfach, keinesfalls überladen, aber umso ausdrucksstärker und mit einem Text, bei dem man auf der einen Seite mitfühlt, aber bei dem man, auch durch die positive Grundstimme u.a verursacht durch eine clever eingesetzte Mundharmonika und den leicht ironischen Text auch schon mal ins Schmunzeln gerät. Richtig gut. Wer hätte das gedacht? Ich nicht.
In Kind von Dir geht es um einen Typ, von dem man ein Kind möchte. Ich weiß, dass schockiert euch jetzt, aber so ist es. Mit dem Song musste ich erst etwas warm werden, da der Text mich als männliches Wesen dazu veranlasst hat ein wenig Eifersucht aufkommen zu lassen. Aber inzwischen beziehe ich die Textzeilen einfach auf mich und schon läuft die Sache. Aussagen wie Wenn er den Raum betritt, wird jeder Damenschritt erotisch strapaziert. und Und diese Distanz auf die er sich hält, strotzt von einer Arroganz, die ihnen gefällt passt ja auch wunderbar zu mir. Der Text ist, wie das komplette Album, intelligent und die Rollen werden auf charmante Art und Weise getauscht. (Ich bau dir ein Haus, ich steck dir einen Baum und du machst mir ein Kind dafür. Und danach irgendwann, ruf ich bestimmt noch mal an. Achja. Es macht einfach Spaß.
Irgendwie habe ich mich bei Diadem anfangs an Nina Hagen erinnert gefühlt. Es ist aber viel mehr eine Mischung aus Ideal, Mia und eben der ganz eigenen, speziellen Portion Jennifer Rostock, die weitaus cooler ist, als alle Referenzbands, mit denen sich die Band schon vergleichen lassen musste.
Mona Lisa ist keinesfalls schlecht, aber ein Lowlight muss ich ja auch präsentieren. Zwar ist es schnell und rotzig, aber irgendwie zu belanglos um unter den restlichen Songs nicht unterzugehen. Auch wenn es wunderbar in die Struktur des Albums passt.
Mit Himalaya, einem schön-poppigen Singlekandidat und Ich will hier raus, dass noch mal recht einfach gestrickt ist und angenehm nach vorne prescht, wird ein toller Abschluss für das grandiose Erstlingswerk gefunden.
Die Songs sind frech, punkig, tanzbar, stimmungsaufhellend und haben einen hohen Wiedererkennungswert, was hauptsächlich an der großartigen Stimmleistung liegt. Aber auch die Texte machen einen Großteil der so wichtigen Individualität aus. Manchen mögen sie vielleicht zu aufgesetzt wirken, aber ich für meinen Teil habe meinen Spaß mit ihnen und höre sie gerne. Sie machen einen intelligenten Eindruck und wirken nie so schnulzig, wie bspw. die bereits erwähnten Kollegen von Silbermond. Zum Glück.