In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Japan unsanft aus seiner mittelalterlichen Isolation gerissen. Mit der Meiji-Restauration setzte ab 1868 eine ungeheuer schnelle Industrialisierung ein und das Land wurde zum ersten Mal in seiner Geschichte zum touristischen Ziel ausländischer Besucher. Vor allem wohlhabende amerikanische Großbürger bereisten die Kulturstätten mit wachsender Begeisterung und erstaunlich früh, keine 20 Jahre nach Erfindung der Daguerreotypie, beginnen die Japaner bereits zu fotografieren. Vor allem die Tourismusbranche versorgte ihre zahlungskräftige Kundschaft mit Andenkenfotos, die Alltagsszenen, Landschaften und Menschen darstellten. Es gibt kaum Literatur zu diesem hochinteressanten Thema, umso mehr ist der Ausstellungskatalog "Ins Land der Kirschblüte" des Reiss-Engelhorn Museum in Mannheim eine wunderbar bebilderte Quelle japanischer Reisefotografie des 19. Jahrhunderts. In erstaunlicher Qualität und mustergültig koloriert geben etwa 90 Albuminabzüge einen Einblick in das japanische Leben um 1890. Nicht immer illustrieren die Aufnahmen dokumentarisch ihre Zeit, sondern oft bereits eine verschwundene Vergangenheit, ähnlich wie die in Europa zeitgleich beliebten Genreszenen, die eine untergehende bäuerliche Kultur idealisierten. Manchmal geraten die Fotos geradezu kolonialistisch, wenn die Japaner zur Staffage für eine ausländische Reisegruppe degradiert werden, oder die Reisenden respektlos auf dem Daibutsu in Kamakura herumklettern. Das ist aus heutiger Sicht natürlich entlarvend, entsprach aber durchaus dem Zeitgeist. In jedem Fall sind die Aufnahmen Zeugnisse einer technologischen und kulturellen Revolution im Japan des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Als besonders reiche Materialquelle diente den Ausstellungsmachern ein Reisealbum des Mannheimer Industriellen-Geschwisterpaares Anna und Carl Reiss, die 1893 eine Weltreise unternahmen. Ihre überaus qualitätvollen Aufnahmen, viele von schon damals renommierten Fotografen aufgenommen, belegen eindrucksvoll, was Fotografie damals leisten konnte. Technisch wie künstlerisch.
Ein sehr empfehlenswertes Buch für Japanfreunde über das zu Unrecht etwas vernachlässigte Thema "Frühe Reisefotografie".