Das riesige Ertüchtigungsrad beschleunigte wieder, während Meh'lindi rannte, eingesperrt in ihren Käfig. Die Maschine reichte zweihundert Meter hoch bis unter das Kuppeldach. Blutrote, zyanotisch blaue und giftgrüne Lichtstrahlen fielen durch Buntglasfenster, die sich ihrerseits kaleidoskopartig drehten. Ketten mit Messingamuletten, die an den rotierenden Speichen des Rads hingen, rasselten und klirrten ohrenbetäubend wie Amok laufende Glocken, während sie im Kreis herumgewirbelt wurden.
Anderswo in der Übungshalle des Callidus-Schreins zerbrachen hochspringende und zutretende Assassinen Plastahlstangen oder auch Fußwurzelknochen und Fersenbeine. Verletzungen waren keine Entschuldigung, eine Übung nicht fortzusetzen - dann mussten die Schmerzen eben gemeistert werden.
Andere übten das Auskugeln von Gliedmaßen durch Muskelspannung, um Fesseln abstreifen zu können, bevor sie durch enge, geknickte Rohre krochen. Eine Pumpe saugte zwei Jugendlichen Blut ab, um sie benommen zu machen, bevor sie sich im waffenlosen Kampf übten, und einem anderen, bevor er einen Spießrutenlauf durch einen Korridor voller wirbelnder Messer versuchen würde. Vernarbte Veteranen-Ausbilder gingen dazwischen auf und ab, immer bereit, es den Ungläubigen zu demonstrieren.
Gymnastikmaschinen kreischten, tosten und wirbelten, um ihren Benutzern die Orientierung zu rauben.
Meh'lindi war eine halbe Stunde gelaufen, um einen anderen Assassinen einzuholen. Senkrecht über ihr benutzte er ein experimentelles Gerät zur Umkehr der Schwerkraft und lief daher verkehrt herum. Sie selbst rannte in einer selbst beigebrachten Trance und stellte sich vor, irgendwann einen so erleuchteten Geisteszustand zu erreichen, dass sie unmenschlich schnell laufen, eine Runde durch das Rad drehen und ihr Jagdwild im Vorbeirennen vollkommen verblüffen könne. Wann immer sie zu einem solchen Spurt ansetzte, wurde das Rad schneller, um sie zu frustrieren.
Plötzlich hielt es mit dem donnernden Krachen zupackender Kettenzahnräder und dem Kreischen von Gestängen und Mechanismen an.
Meh'lindi wurde heftig vorwärtsgeschleudert. Zwar kam es vollkommen unerwartet, aber sie war ohnehin auf alles vorbereitet und krümmte sich zusammen, so dass sie rollte. Mit einem Rückwärtssalto entrollte sie sich wieder und wirbelte herum.
Das Rad beschleunigte bereits wieder in die andere Richtung. Es wurde rasch schneller. Hoch über ihr war ihr Jagdwild in Schwierigkeiten. Sie rannte höher, höher, und versuchte, den Reibungswiderstand ihrer nackten Füße und gleichzeitig den Schwung durch schiere Willenskraft zu steigern, um nicht die Wandung des Rads zurückzugleiten.
Schließlich heulte eine Sirene und zeigte das Ende ihrer Übungseinheit an - gerade als sie sich einbildete, winzige Aussichten zu haben, erfolgreich zu beenden, was faktisch unmöglich war.
Sie schüttelte den Kopf, vertrieb jeden Anflug von Verärgerung, machte kehrt und lief am Rand hinunter. In dem Käfig öffnete sich ein Tor, und sie stieg aus.
"Der Direktor Secundus lädt dich in einer Stunde zu sich ein", sagte der Radmeister. Der kahlköpfige alte Mann, dem ein Auge durch eine Rubinlinse ersetzt worden war, verkniff sich jeglichen Kommentar zu ihrer Leistung. Als erfahrene Absolventin des Collegia Assassinorum musste Meh'lindi in der Lage sein, sie selbst zu beurteilen. Andernfalls wäre sie vom rechten Weg abgewichen.
"Lädt mich ein?", fragte sie. Der Direktor Secundus war niemand anders als der Stellvertreter des obersten Direktors dieses Assassinenschreins. Lud solch ein hoher Würdenträger ein?
"So lautete die Formulierung."
In einer kuppelüberdachten Zelle im Baptisterium schälte sich Meh'lindi aus ihrer hautengen schwarzen Tunika. Während Ultraschall Schweiß und Dreck von ihr löste, betrachtete sie ihren Körper in einem hohen Spiegel, der von einem Rahmen aus ineinander verwobenen und verknoteten Messingknochen eingefasst war. Sie gestattete sich ein gewisses Maß an Bewunderung, d