Der Roman "Inneres Land" erzählt von einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung. Erzählt wird er aus der Perspektive der Tochter in Form einer Ansprache an die Mutter. Dies ist am Anfang gewöhnungsbedürftig, da zunächst aus der Sicht eines kleinen Kindes erzählt wird und die Erzählweise selektiv und sprunghaft ist; entsprechend dem Verständnis bzw. Nicht-Verständnis des Kindes bleiben erst einmal viele Fragen offen. Mit zunehmendem Alter der Erzählerin wird der Text vollständiger und somit auch verständlicher. Die Erzählzeit umfasst den Zeitraum vom Kindesalter bis in die späten mittleren Jahre der Tochter, doch die erzählte Zeit reicht noch weiter zurück. Die Familie lebt in Spanien, in Katalonien, um genau zu sein, während des Franco-Regimes.
Teresa, die Mutter, hat durch traumatische Kindheitserlebnisse, die nie aufgearbeitet wurden, das Vertrauen in andere Menschen verloren und ist kaum in der Lage, Nähe zuzulassen. Auch Vertrauen zu anderen, z.B. zu Freunden, zu haben, erscheint ihr unmöglich. Rita, die Tochter, erfährt mangelnde Anerkennung durch die Mutter; der Vater versucht zwar, dies so gut er kann auszugleichen, und sie liebt und bewundert ihn sehr, doch es ist nicht das gleiche. Die Tochter versucht ihr Leben lang, es ihrer Mutter recht zu machen, ist bereit, nahezu alles zu tun, um ihr zu gefallen, ihre Anerkennung und vor allem ein Zeichen ihrer Liebe zu erlangen und einmal von ihr gelobt zu werden, anstatt immer nur die schroffen Worte der Kritik und der Zurückweisung zu erfahren (Fräulein Neunmalklug, Schlampe, Mopp, As....). Dies geht so weit, dass sie weitreichende Entscheidungen in Hinblick auf ihr eigenes Leben(-sglück) trifft, die sie selbst nicht wirklich tragen kann, von denen sie aber annimmt, dass sie den Wünschen ihrer Mutter entsprechen. Diese Hass-Liebe zur Mutter prägt ihr Leben entscheidend, erst sehr spät als Erwachsene erkennt sie, dass sie ihr eigenes Leben leben muss und darf, auch wenn sie Dinge tut, die ihre Mutter verurteilt. So sehr sie sich bemüht, was sie auch tut, sie läuft immer wieder vor eine Wand. Aus lauter emotionaler Not sucht die Tochter in mehreren anderen Frauen Ersatz (Tante Veva, Tante Montserrat, Rosalia), von ihnen allen fühlt sie sich mehr angenommen und so akzeptiert wie sie ist, als von ihrer Mutter.
Auch das Verhältnis zum älteren Bruder Ramon ist viele Jahre lang nicht von Herzlichkeit geprägt, ein Austausch über die Mutter, der vielleicht beiden gut täte, findet nicht statt, obwohl auch er kein Lob ihrerseits erfährt. Es wirkt so, als ob die Mutter der Tochter künstlich das Leben schwer macht, also ob sie ihr neidet , dass sie weniger entbehrungsreich aufwachsen kann als sie selbst. Die Mutter scheint in ihren eigenen, selbst errichteten Mauern gefangen zu sein, man gewinnt den Eindruck, dass sie gar nicht glücklich sein will, sondern die Bürde des Vergangenen tragen muss, da es keine öffentliche Anerkennung, keine Entschuldigung gibt und geben wird. Wie sollte es auch, denn noch immer existiert das Franco-Regime fort.
Dieses persönliche Drama ist eingebettet in die Geschichte Spaniens im 20. Jahrhundert. Obwohl das Thema so traurig ist, ist "Inneres Land" kein trauriges oder traurig machendes Buch. Man liest es gerne, wenn man sich einmal eingelesen und an den Stil gewöhnt hat, entfaltet es einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Man leidet mit beiden Frauen mit, empfindet Sympathie und Empathie für beide. Ein sehr gelungenes, lesenswertes Buch über eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung.