Als Nigel Kennedy vor gut einem Jahrzehnt als enfant terrible der Klassik-Szene die internationale Musikwelt zu erobern begann, da fielen schon mal Vokabeln wie „rasend", „robust", und „rasant", und vielen Kritikern fielen die flotten Tempi seiner berühmten Aufnahme von Vivaldis Vier Jahreszeiten auf. Aber: Nicht nur die rasende Fingerfertigkeit gehört zum Können eines Violin-Virtuosen, sondern auch die Fähigkeit, die Seele, den Schmelz, den Ton der Geige zum Klingen zu bringen. Und diese Eigenschaften entfalten sich in klassischen Konzerten meist in den Mittelsätzen - ein Gebiet, auf das sich Kennedy in seinem aktuellen Album konzentriert.
Der Titel Inner Thoughts ist doppeldeutig gemeint: Zum einen führt er auf die Spur tiefer musikalischer Gedanken, die sich in den langsamen Sätzen der Konzerte finden. Zum anderen bringt er zum Ausdruck, dass man sich hier im Kern der musikalischen Reise befindet, die so ein Konzert darstellt: das geistige Zentrum, das Ziel, von dem man über ein schnelles Finale zurückfindet. Kennedy lotet langsame Sätze großer Konzerte von Bach und Vivaldi bis in die Romantik aus und zeigt sich gerade in diesen konzentrierten, spirituellen Klangwelten als reifer Musiker, als einer der ganz großen Geiger unserer Zeit, dessen Kunst weit abseits schneller Effekte gedeiht.