In der Reihe der zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema Hyperaktivität nimmt dieses Buch eine herausragende Stellung ein. Denn es gelingt dem Autorenpaar in sehr warmherziger und professioneller Weise das Augenmerk auf die Gefühls- und Gedankenwelt der Menschen zu lenken, bei denen ADS bzw. ADHS diagnostiziert worden ist.
Es geht Waltraut Barnowski-Geiser und Udo Baer zwar auch um das offensichtliche äußerliche Verhalten von Kindern und Jugendlichen, dennoch zeigen sie anhand von 15 „Fällen“ auf, wie unterschiedlich die jeweiligen Innenwelten der Mädchen und Jungen aussehen. Den kurzen Fallbeschreibungen geht jeweils eine Erklärung voran, wer zur Beratung bzw. Therapie geschickt hat. Bei den einzelnen Therapiesequenzen wird dann erläutert, welche insbesondere schulischen und familiären Zusammenhänge gesehen werden sollten, ehe vorschnell die Diagnose ADS/ADHS gestellt wird.
Die jeweiligen Fälle werden gesondert kommentiert und so eine Metasicht ermöglicht.
Sehr anrührend ist die ausführliche Beschreibung der Therapie des Jungen Ole zu Beginn des Buches. Den Bogen in die Erwachsenenwelt spannen dann drei Fallgeschichten von mittlerweile erwachsen gewordenen ADS/ADHS-Patienten/-innen. Diese beschreiben sehr eindrücklich, wie sie in der Rückschau ihre therapeutische, pädagogische bzw. medizinische Behandlung erlebt haben und wie sich die Diagnose auf ihr Erwachsenenleben ausgewirkt hat.
Das letzte Kapitel nimmt Stellung zu „Fragen und Antworten rund um ADS/ADHS“.
Hierbei verhehlen die Autorin und der Autor nicht, dass sie der Behandlung mit Ritalin skeptisch gegenüberstehen und einer passenden therapeutischen Behandlung den Vorzug geben. Leider gehen sie davon aus, dass bei der Familientherapie den Kindern „der reine Gesprächseinsatz oft wenig entgegen“ kommt (S. 163). Hier scheint man die Entwicklung der Familientherapie hin zu darstellenden, kreativen, erlebnisorientierten Methoden nicht genügend bedacht zu haben. Einzelne Antworten auf ADS/ADHS spezifische Fragestellungen helfen nicht nur den Eltern bzw. Erziehungsberechtigten, sondern auch den Fachkräften im täglichen Umgang mit den Kindern und Jugendlichen.
Leider fehlt es auch an Literatur- bzw. Hilfsstellenhinweisen.
Hier zeigt sich aber auch die Konsequenz des ersten Bandes der Reihe „WürdeBücher“.
Es geht weniger darum, noch ein weiteres Fachbuch draufzusetzen, sondern vielmehr soll der Blick auf die würdevolle, menschenachtende Grundhaltung in der menschlichen, pädagogischen und therapeutischen Begleitung gerichtet werden.
Und dies ist dem Autorenduo in ausgezeichneter Weise gelungen.
Dieses Buch ist eine unbedingt notwendige Lektüre, für alle, die Kindern und Jugendlichen, bei denen ADS/ADHS diagnostiziert worden ist, wirklich verstehen wollen.