In Ihrem Debutroman "Innensichten" vereinigt die österreichische Autorin Claudia Taller die Schicksale von drei starken Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können: eine Busfahrerin, eine Dolmetscherin und eine Gesandte. In einschneidenden Lebensereignissen dieser Frauen werden seelische Verletzungen sichtbar, die weit in ihren Lebensweg zurückreichen. Alle drei Frauen gehen aus diesen Lebensabschnitten verändert hervor.
Aurora, die Busfahrerin, ist verstrickt in Beziehungen zu zwei Männern, Hervé und Julien. Diese kommen und gehen in ihrem Leben. Auroras Tochter, Marie-Laure, gegen den erklärten Willen ihres Erzeugers, Hervés, auf die Welt gekommen, stirbt 4-jährig. Die Frau Hervés, Hélène, und Aurora lernen einander kennen, ohne voneinander zu wissen. Sie verändern sich und ihr Leben.
Magda, die Dolmetscherin, ist verstrickt in ein Geheimnis um ihre ägyptische Mutter. Was war der Anlass für ihren frühen Tod? Die Mutter war eine begnadete Klavierspielerin, Magda könnte es auch sein. Der noch lebende, österreichische Vater ist keine Hilfe bei der Suche nach der Mutter. Magda muss alleine zurück zu den Wurzeln ihrer Kindheit in Ägypten. Ein Familiengeheimnis, welches die Lebenden nicht wirklich leben lässt, bevor sie es nicht für sich entdecken können.
Die Gesandte, Frau Dr. B.-O. ist als Abteilungsleiterin der Kultursektion des Außenministeriums in Sachen Bertha von Suttner und in Sachen Sigmund Freud unterwegs. In ihrer Bewunderung für beide Persönlichkeiten lässt sie deren Leben in ihrem Kopf zusammenlaufen. In der Erzählung ist die Protagonistin mit dem Diebstahl eines ihr anvertrauten Mauskriptes des Friedensnobelpreisträgers 2005 konfrontiert. Ein Verwirrspiel auf internationalem Parkett beginnt.
So verschieden die drei Frauen in vieler Hinsicht sind, so unterschiedlich ist auch die stilistische Verarbeitung durch die Autorin. Eine kunstvolle Sprache nimmt durch vielschichtige Perspektiven die LeserInnen von den ersten Zeilen an gefangen. Fragen werden gestellt, manche beantwortet, manche bleiben offen; manches Schicksalhafte löst sich auf, manches bleibt beunruhigend zurück. Jede Erzählung verlangt hohe Konzentration und eine durchgehende Lektüre. Diese stellen sich durch den von der Autorin erzeugten literarischen Spannungsbogen wie von selbst ein.
Dieser im Resistenzverlag erschienene Roman macht neugierig auf mehr.