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Woody Allens erste reine Tragödie (1978) heißt im Original "Interiors", was mit "Innenleben" nur unzureichend übersetzt ist. Der Originaltitel findet viel eher seine allegorische Doppelung in dem Begriff "Innenräume", um die es in jeder Hinsicht geht. Geschildert werden die Schicksale von Mitgliedern einer Familie, nachdem der Vater sich entschlossen hat, sich zunächst einmal provisorisch (wer's glaubt...) von der Mutter zu trennen. Sehr kühl sagt er das. Da der Film uns dies als Rückblende präsentiert, wissen wir bereits: Die Ehefrau wird daran zugrunde gehen. So wie sie in ziemlich enervierender Form die "Interiors" nicht nur ihrer Wohnung bis ins Letzte perfekt gestalten möchte, so lebensunfähig ist sie, wenn die Fassade Risse bekommt. Mit diesem Vorwissen ausgestattet, bekommt auch das Handeln des Ehemannes ein bißchen was Selbstgefälliges - man kann sich sogar gut und gerne fragen, warum er diesen Kontrollfreak überhaupt geheiratet hat bzw. ob er nicht sogar eine Verantwortung hatte, dies nicht zu tun.
Damit bekommt der Film etwas ungemein Tristes, denn ihm fehlt über lange Zeit ein wirklicher Sympathieträger. Auch mit den drei Töchtern kann man sich aus verschiedenen Gründen kaum identifizieren, die entweder mit zuviel Opti- oder Pessimismus ihre gestörte Beziehung zu den Eltern mühsam aufarbeiten oder sich wie die Fernsehschauspielerin Flynn weitgehend heraushalten. Männer kommen ebenfalls schlecht weg oder sind zu unbedeutend in dieser Geschichte. "Interiors" ist nicht einfach nur ein Woody-Allen-Psychodrama, in dem viel Kluges geredet wird. "Interiors" ist eine Tragödie, die meisterhaft ist, weil Allen sich nicht nur auf Text und Darsteller verlässt, sondern ausgesprochen kunstvoll inszeniert. Kameramann Gordon Willis ist einer der Großen seiner Zunft; berühmt für wunderschöne oder auch bittersüße Ausleuchtungen von gedeckten Tönen, die oft ins Bräunliche tendieren, wie z.B. in "Der Pate". Auch bei "Interiors" trug er dazu bei, dass dies ein Film mit einer besonderen Fotografie und Lichtsetzung ist. Man könnte sie als "weich" bezeichnen; dies ist technisch wohl korrekt, aber gibt die erzeugte Stimmung nur unvollkommen wieder. Der Film ist in dem Sinne weich, dass er sehr kontrastarm ist, aber dies hat hier gerade nicht den verschönernden Effekt des klassischen Hollywood-Weichzeichners. Sondern führt dazu, dass Räume die Protagonisten geradezu verschlucken. Es dominiert in Wänden wie Gegenständen wie Kleidung die Farbe Beige. Einmal sehen wir die Mutter und eine Tochter vor einer leeren Wand, in einer Wohnung, die nach dem Willen der Mutter durchaus so eingerichtet sein soll. Da wirken sie auch psychisch völlig isoliert, sie haben tatsächlich keinen Halt mehr, selbst die Raum-Ecke ist kaum zu sehen in einem raumlosen Raum (diesen Effekt mag Allen evtl. von Richard Fleischer abgeguckt haben, der ihn in "Der Frauenmörder von Boston" (USA 1968) am Ende einsetzt, wenn der psychisch gestörte Täter in räumlicher wie seelischer Hinsicht "isoliert" ist). Beige kann im Übrigen verdammt kühl und sachlich wirken, gerade wenn viele Szenen recht dunkel ausgeleuchtet sind. Nachtszenen wirken gar nicht so wie die übliche Amerikanische Nacht, in der gleißendes Licht Schneisen in das Dunkel schneidet. Wir sehen Gesichter fast als Schattenprofil, aber eben nur fast - großflächig sind Gesichter zu sehen, lassen sich aber nicht auf deutlich erkennbare Konturen reduzieren. Wir sehen nicht weniges deutlich und den Rest ganz schwarz, sondern alles fast schwarz. Es ist immer der ganze Mensch, der hier präsent ist, und der es doch so schwer hat, gegen die Dunkelheit anzukämpfen und durch sie hindurchzudringen! Allen und Willis fotografieren selbst Außenaufnahmen bei Tag kaum anders. Der Strand in der Nähe New Yorks wird oft aus leichter Obersicht gefilmt, so dass wir nur den Sand und das Meer, aber nicht den Himmel sehen. Das sind eigentlich Totalen-Verweigerungen; die Menschen werden zwar klein, aber von ihrer Umgebung erdrückt statt Teil eines schmucken Panoramas. Einmal werden sie sogar wie Gefangene hinter dem Zaun gefilmt, der die Dünen abgrenzt. Das Meer und die Wellen erscheinen durch diese Fotografie von oben übrigens größer und bedrohlicher (und hören sich auch so an).
Es gibt weitere ästhetische Entsprechungen der Psycho-Tragödie. Die Kamera ist häufig geradezu bleiern ruhig und verweigert sich Zooms und Schwenks mit den Darstellern, wo wir sie erwarten würden. Wenn dies mit Großaufnahmen verknüpft wird, bekommt der Film eine mitunter quälende Intensität. So wird beispielsweise bei der erneuten Vermählung des Vaters nur der stumme Blick der Töchter gezeigt, von denen speziell eine diesen Schritt missbilligt und sich nur mit Mühe zum Kommen überreden konnte. Woody Allen hat aber nicht nur auf Darsteller und Optik, sondern auch auf Akustik geachtet. Er verzichtet mit zwei kurzen diegetischen Ausnahmen auf Musik und schärft unser Gehör für das Wesentliche. Das monotone Wellenrauschen liegt genauso schwer auf Gemüt und Ohren wie gelegentlich eine ungeahnte und ungewohnte Stille. Wir kennen das alle, das "betretene Schweigen" in unangenehmen Gruppen-Situationen. Hier ist es sozusagen hörbar. Als der Vater seine Trennungsabsicht verkündet hat zum Beispiel, da beschwert sich die Mutter sogar gegenüber einer Tochter, dass diese so laut atme. Und sie röchelt nicht etwa oder schnauft - sie atmet einfach in die Stille hinein. Der Film wird immer wieder Momente haben, in der wir ganz leise, aber deutlich ein Atmen in der Stille hören. Meist bedeutet diese Akustik nichts Gutes!
Aber mitunter doch, und am Schluss eröffnet der Film immerhin eine ansatzweise Aussicht auf Hoffnung. Der Vater hat eine Frau kennengelernt, die er heiraten möchte. Sie ist zwar auch schon geschätzte 60, bringt aber Leben in die Bude. Allein wie Woody Allen mit ihr das blasierte New-York-Intellektuellenmilieu karikiert, hat Klasse: Ihr Sohn leite eine Kunstgalerie (Kunst-Pause) im Vorraum von Caesars Palace in Vegas (längere Kunst-Pause). Naja, es sei nicht wirklich Kunst, er verkaufe dort Souvenir-Kitsch (aha, die Kunst hat Pause). Im Gegensatz zu allen anderen trägt diese Frau oft kräftiges Rot und heißt zwar noch nicht Ruby, aber immerhin schon Pearl. Sie ist eine betont offenherzige Frau, die sich ausstellt wie ein Schmuckstück, dabei aber auch ehrlich ist und zu sich steht wie eine Perle, die ganz gerne glänzt und davon lebt, dass sie zu sehen ist und nicht im Tresor verkümmert. Sie ist mir die positive Figur in diesem Panoptikum der schiefgelaufenen Lebensentwürfe. Gleichzeitig aber führt sie zur Verschlimmerung des Zustandes der nun vormaligen Gattin, die sogar einmal in einer wunderschön und diesmal mit warmen Farbtönen ausgeleuchteten Kirche die Opferkerzen wütend umstößt. Diese stecken, wie häufig in Kirchen, in roten Gläschen. Was den Gatten erlösen kann (Erlöser-Kerzen / Pearl), bereitet der Ex unvorstellbare Pein. Die Kerzen und Pearl sind das einzige Rote in einem ansonsten weitgehend beige-grauen Film, so dass mir die Gleichsetzung nicht überinterpretiert scheint.
Wie geht das Ganze aus? Ich möchte hier nicht zuviel verraten, bleibe aber dabei, dass man das Ende ein bißchen hoffnungsvoll sehen kann. In einer Szene, die wieder einmal Pearl betrifft, wird das Motiv des Atmens erneut aufgenommen, aber diesmal geht es um eine positive Bedeutung, in der Atem Leben verheißt. Außerdem scheint endlich einmal helles Licht. Wenn es auch noch nicht zu den Protagonisten vorstoßen kann, sehen wir es doch draußen, so dass es zumindest die Möglichkeit des Erhellens zu symbolisieren scheint. Dies geschieht vor allem bei einer wiederum statisch fotografierten Szenerie. Es ist etwas passiert, und die wichtigsten Protagonisten treten nacheinander kurz in diese Szenerie und lassen sehr viel unvermittelter erkennen, wie sie das Ereignis betroffen gemacht hat, als wenn die Kamera mit diesen Personen mitgegangen wäre. Es ist eine Betroffenheit, die direkter und offener wirkt als das bleierne Erstarrt-Sein zuvor. Es ist vielleicht erstmals echte Emphase und die vage Chance, Frieden zu finden. "Es ist alles so friedlich hier", sind die letzten Worte des Filmes. Er blendet sehr langsam ab und lässt damit das Dunkel noch einmal an uns vorüber ziehen - aber die Worte bleiben. Was vorüber zieht, kann später vorüber sein.