Wenn ich bei diesem Film Aussagen wie "verstanden" oder "nicht verstanden" lesen darf, dann zweifle ich. Insbesondere über die, die sich über diejenigen zu erheben scheinen, die diesen Streifen nicht verstanden haben.
Wieso? Hm. Inland Empire, und das ist meine feste Überzeugung, entzieht sich bewusst und beabsichtigt jedem kognitiven Zugang. Ich schätze Lynch sehr - allerdings ohne ihn kultisch zu verehren. Dennoch ist Lost Highway einer meiner absoluten Lieblingsfilme, dennoch schätze ich die eigene Ästhetik des letztlich etwas kitschigen "Dune", dennoch mag ich das Verwirrspiel um Traum und Wirklichkeit in Mulholland Drive - ich mag die ruhigen Momente im Elefantenmenschen und in the Straight Story - aber bei Inland Empire versagt jeder Versuch, sich diesem Film auf irgendeine konventionelle Ebene zu nähern. Es scheitert sogar der Versuch, sich Inland Empire auf Lynch-typischem Wege zu nähern. Man kann diesen Film nicht verstehen -es gibt schlichtweg nichts zu verstehen.
Inland Empire ist ein Panoptikum Lynchs, ein audiovisuelles Meisterwerk - einmal mehr. Postmoderner Cineasmus. Helden, Charaktere, Handlungen - gibt es hier schlichtweg nicht mehr. Jaja, die alternde Schauspielerin die eine Rolle in einem Film bekommt, der sich als geheim gehaltenes Remake offenbart - aber das ist als Handlungsfaden derart dünn, dass es nicht für einen 30 Minütigen Kurzfilm reichen würde - und für einen drei Stunden langen Kinofilm mit Überlänge schon mal gar nicht.
Für jeden, der schon mit den vergleichsweise verständlichen und geradewegs direkt zugänglichen Lost Highway oder Mulholland Drive Schwierigkeiten hatte, ist dieser Film hier vollkommen ungeeignet. Inland Empire entstand ohne Drehbuch - und das verwundert kaum. Atmosphärische Schnippsel werden aneinandergereiht und schaffen es, den Zuschauer ins Universum Lynchs zu ziehen - oder in nie zuvor erlebter Art und Weise zu nerven und zu langweilen. Ich bin durchaus jemand, der Spaß daran hat, einen roten Faden in Filmen zu suchen, ich puzzle gerne cineatisch, suche Bilder und Hinweise, wie man einzelne Szenen zusammenfügen kann, damit sie Sinn ergeben - allein bei Inland Empire bleibt dieser Sinn verborgen, egal, wie sehr man sich müht. Und solange, bis mir niemand eine in sich schlüssige Interpretation dieses Werks vorlegen kann, werde ich von dieser Behauptung keinen Millimeter abrücken. Wer behauptet, in Inland Empire einen roten Handlungsstrang zu erkennen blufft um sich selbst pseudointellektuell zu profilieren.
Nichtsdestotrotz liefert IE die altbekannten Stärken Lynchs - es sind Szenen, die den Zuschauer, der sich auf diesen Wahnsinn einlässt, gefangen nehmen können und faszinieren. Nur : Ein Spielfilm ist das nicht mehr.
Dementsprechend schwer fällt mir die Bewertung. Am liebsten hätte ich mich einer Bewertung enthalten. 5 Sterne für die immer wieder funktionierenden Stilmittel Lynchs - aber 0 Punkte unter der Prämisse, dass hier irgendwas inhaltliches vermittelt werden sollte. Somit werte ich mal etwas ratlos 3 Sterne - auch wenn drei Sterne einen durchschnittlichen Film suggerieren. Durchschnittlich ist an Inland Empire wahrlich nichts. Ich weiß nur nicht, ob ich das ganze lieben oder fassungslos verspotten soll. Es ist irgendwas von beiden Extremen in mir.
Sollte eines Tages eine Special Edition mit umfangreichen Audiokommentar Lynchs erscheinen, ich werde sie mir ohne mit der Wimper zu zucken zulegen. Und wer weiß, vielleicht würde ich hinterher tatsächlich aufwerten. So bleibt nur ein extrem diffuser Eindruck nach einem selbst für Lynchverhältnisse außergewöhnlich konfusem Streifen.