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Ingrid Caven
  
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Ingrid Caven [Ledereinband]

Jean-Jacques Schuhl
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Schlicht, der Titel: Ingrid Caven und ungeahnt die Resonanz: einhelliger Jubel. Jean-Jacques Schuhl, der langjährige Partner von Ingrid Caven, der mehr als zwanzig Jahre schwieg, erhielt im letzten Jahr den Prix Goncourt und ist nun, mit seinen sechzig Jahren, auf einmal ein ganz besonderer Shooting Star der französischen Literatur, ein Autor für eine neue Lesergeneration.

Wer ist Ingrid Caven -- eine Titelgestalt ohne Anagramm, eine Geliebte ohne Eifersucht? Rätselhaft bereits ihre Herkunft: Sie besitzt zwei Geburtsdaten. Sie leidet unter schweren Hautallergien. Sie ist Schauspielerin und Sängerin. 1970 heiratet sie Rainer Werner Fassbinder. Aber: Ingrid Caven ist mehr. Der Name: ein Kostüm. Eines jener Kostüme, die sie als Schauspielerin für Fassbinder und Daniel Schmid trug. Er ist ein Kleid. Das Kleid der Sängerin Caven, das ihr Yves Saint-Laurent direkt auf die Haut schneiderte. Er ist eine Maske, hinter der sie die schrecklichen Allergien mumienartig vor dem blendenden Scheinwerferlicht verbirgt. Kurz: Er ist in jedem Fall ein Mythos, der schnell hinter der anfänglich vermuteten Biografie hervortritt und in eine Welt der Fiktionalität führt: mitten in einen Roman, hinter dem sich eine gesamte Epoche offenbart. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, weshalb Le Monde die Entscheidung der Goncourt-Jury mit dem viel zitierten Satz von der Unverzichtbarkeit dieses Romans, "um das Jahrhundert abzuschließen", feierte.

Ein französischer Schriftsteller erzählt also von bleiernen deutschen Jahren in der Nachkriegszeit. Er klatscht über Ulrike Meinhof und eine drohende Entführung. Er spricht über Künstler und entwirft so puzzleartig ein Porträt der jungen Bundesrepublik, mit Passagen (sympathischer) Deutschtümelei, in der die Caven -- im Laufe der Lektüre längst zu einer literarischen Gestalt geworden -- aufwächst. Das poetische Verfahren ist das einer Collage, die Sprache hochpoetisch und sich augenscheinlich distanzierend von Werbetextern und Popschreibern.

Die Initialzündung war vermutlich ein schmutziger Zettel, den man neben der Leiche von Fassbinder fand und auf dem in 18 Stationen das Leben der Caven mit Stichworten skizziert war. Aber der Roman hat kein Ende, genauso wenig wie er einen Anfang besitzt. Denn er ist (vielleicht aus Hochachtung vor Fassbinder?) wie ein Film voll zerstückelter Szenen. Und genau deshalb kann er keine Biografie sein. Überhaupt: Könnte ein Leben wie das der Caven etwas anderes sein als ein Roman? --Kristina Nenninger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung

Weihnachten 1943 singt ein kleines Mädchen, vier Jahre alt, Heilige Nacht für die Soldaten der Wehrmacht. In der Ferne detonieren Bomben. Es ist Ingrid Cavens erster Auftritt. Ein halbes Jahrhundert später - inzwischen hat sie in Fassbinders Filmen gespielt und als Sängerin die Pariser und New Yorker Bühnen erobert - gibt sie ein Konzert in der Zitadelle von Jerusalem. In ihrer Kindheit an der Saar von Krankheiten gezeichnet und fast erblindet, zeigt sie sich als Frau im Rampenlicht "mit der Kaltblütigkeit eines Toreros, der Konzentration eines buddhistischen Mönchs und der Vitalität einer Animierdame aus dem Rotlichtmilieu." Sie ist die Heldin eines Romans, dessen Register vom Märchenton bis zum Comic strip, vom Dokumentarischen bis zur Feerie reicht. Bald lakonisch, bald ausschweifend, führt Jean-Jacques Schuhl ein Maskenspiel vor, dem es an schwarzem Humor nicht fehlt und in dessen Hintergrund ein Schrecken lauert, der nicht vergehen will. Neben Rainer Werner Fassbinder, mit dem Ingrid Caven verheiratet war und der kurz vor seinem Tod ein rätselhaftes Manuskript über sie verfaßt hat, treten viele andere auf, die ihren Lebensweg kreuzten: Yves Saint Laurent, ein "jüdischer Hugenotte" namens Charles, Produzenten, Selbstmörder, Süchtige, Stars und Verlierer... Kann eine Frau deutscher sein als Ingrid Caven, die es im Nachkriegsdeutschland nicht ausgehalten hat und ihre Triumphe eher in Frankreich und in Amerika feierte als hier? Mit Schuhls Buch, das in Paris einen riesigen Überraschungserfolg erlebte, kehrt diese Abwesende mit ihrer Stimme, ihrem unverwechselbaren Ton zu uns zurück.

Auszug aus Ingrid Caven. Die Andere Bibliothek von Jean-Jacques Schuhl. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Das weiße Blatt liegt aufgeschlagen auf Tüchern.
Ringsum alles geordnet: Stifte in Reih und Glied, Pinsel gefächert, Flakons im
Kreisbogen, Cremedosen und -becher aus Bakelit, Bruchstücke festen Puders. Ihr
Blick ist auf die handgeschriebene Doppelseite gesenkt: in Kurven, horizontal,
diagonal aufgezeichnete Linien, Zahlen, Schlüssel, an Fäden hängende
geheimnisvolle Hieroglyphen.
"Das Wichtige sind die Knochen, dann die Haut, wie gespannter Stoff, und bei dir
ein paar Tupfer, weniger als gar nichts, und du bist verwandelt."
Die Stimme ist sanft, südländisch, feine Modulationen, lateinamerikanisch.
Zuerst der Fond de teint: sehr hell, Porzellan, durchsichtiger loser Puder.
Jetzt die Augen, geschlossen: Oberlider: brauner, nach außen hin verwischter
Fond, dann Violett, Hellblau, Dunkelblau. Dahinter, im Kopf, das Notenblatt, die
Noten, die Worte, die fünf Linien: Violine - Cello - Ingrid - Klavier, jeder
seine Linie, für das Klavier zwei: rechte Hand, linke Hand, sie selbst: ein
Instrument unter anderen.
"Es ist schon alles da: die Maske. Man braucht sie nur hervorzuholen, sie zu
entschleiern."
"Maquillage, Schminken", denkt sie, "auf deutsch sagt man: ich gehe in die
Maske..."
Er öffnet ein Döschen und holt einen vom Ende der Welt mitgebrachten winzigen
schwarzen Stein heraus.
"Dann hat der Minister Jeanne gefragt: >Wer ist denn dieser Ronaldo, mit dem
alle Welt mir in den Ohren liegt, von dem man mir Lobeshymnen singt ...?Durch den Kontakt mit den
Toten, Euer Ehren, habe ich schönere Musik gespielt.Drei Monate Gefängnis
ohne Bewährung! < Ein bißchen Puder war auf das weiße Blatt der Partitur
zwischen die Noten g d e geraten. "Das ist was?" - "Rosepoussiere. Ein
vergessener Farbton, der in den Nächten der siebziger Jahre en vogue war und
sich danach verloren hat, ich benutze ihn noch." Der Finger streichelt über den
Brauenbogen, ein Pusten, das Stäbchen fährt über das Lid, der Pinsel huscht über
den Wangenknochen.
Stromausfall. Dunkelheit. Stille.
"Ich kenne dein Gesicht seit all diesen Jahren so gut, ich brauche kein Licht
mehr! Jetzt ist es ohnehin so, daß ich am hellichten Tag kaum noch was sehe."
Jugendlicher alter Hexer mit den so langsamen Bewegungen, mit den hypnotischen
Sätzen! Zu dünn der Finger, ißt nicht mehr genug, zu groß das Auge in der Höhle,
jeden Tag liegt es tiefer. Muß sich oft hinlegen. "Das ist dieser orientalische
Pilz." - "Du meine Güte jetzt will auch er mir die Geschichte von dem
chinesischen Pilz aufbinden." Und beide haben im Dunkeln, ohne es zu wissen, das
gleiche blasse und flüchtige kleine Lächeln. Er läßt sich Zeit, sie entfernt
sich unter der Maske zu den Melodien, das Schminken geht schweigend weiter. Sie
hat immer noch die Partitur vor Augen: Violine g e c sehr sehr langsam piano e g
crescendo fermate. "Noch fünfzehn Minuten..." - der neutrale Ton des
Lautsprechers, aber sie sind in einer anderen Zeit, der des Rituals. Der Mund:
Oberlippe, die mittlere Partie bleibt heller, das verkleinert den Mund. Hinter
diesem leichten Schleier, einer Filmmaske, entfernt sie sich noch weiter, nicht
mehr ganz in dieser, nicht ganz in jener Welt, unsichtbar. Ronaldo,
konzentriert, aber offen, scheint im Dienst einer dunklen, magischen Aufgabe zu
stehen, er macht wenig, manchmal gar nichts. Manchmal absichtlich etwas
ungleichmäßig, ungenau: er bezieht das Licht mit ein, das all dies zurechtrücken
und das Unsymmetrische der Farben, die Unebenheiten korrigieren wird.
Unterlippe: er zieht die Konturen mit dem bordeauxroten Stift nach, dann legt er
das Kirchner-Rot auf, die mittlere Partie bleibt heller. Sie ist nicht mehr ganz
da, schlummert, in der Musik, hinter dem kosmetischen Schleier, unter dem Film.
"In sieben Minuten ..." Zum Abschluß ein unmerklicher silberweißer Strich über
den Nasengrat: das fängt das Licht besser ein, gibt der Nase Profil, macht sie
zierlicher. Voilà, fertig. So. Das Schminken ist beendet, er legt sich aufs
Sofa, sie hebt die Lider, sieht in den Spiegel, senkt den Blick noch einmal auf
das Millimeterpapier: aufgereihte Worte, an Fäden hängende Noten. Jetzt war es
Zeit, sie wußte es. "Es ist Zeit, kommen Sie..." Die Tür hatte sich einen
Spaltbreit geöffnet, sie erhob sich und griff rasch nach dem Saum des Kleides.
"Folgen Sie mir..." -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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