Aus der Amazon.de-Redaktion
Schlicht, der Titel:
Ingrid Caven und ungeahnt die Resonanz: einhelliger Jubel. Jean-Jacques Schuhl, der langjährige Partner von Ingrid Caven, der mehr als zwanzig Jahre schwieg, erhielt im letzten Jahr den Prix Goncourt und ist nun, mit seinen sechzig Jahren, auf einmal ein ganz besonderer Shooting Star der französischen Literatur, ein Autor für eine neue Lesergeneration.
Wer ist Ingrid Caven -- eine Titelgestalt ohne Anagramm, eine Geliebte ohne Eifersucht? Rätselhaft bereits ihre Herkunft: Sie besitzt zwei Geburtsdaten. Sie leidet unter schweren Hautallergien. Sie ist Schauspielerin und Sängerin. 1970 heiratet sie Rainer Werner Fassbinder. Aber: Ingrid Caven ist mehr. Der Name: ein Kostüm. Eines jener Kostüme, die sie als Schauspielerin für Fassbinder und Daniel Schmid trug. Er ist ein Kleid. Das Kleid der Sängerin Caven, das ihr Yves Saint-Laurent direkt auf die Haut schneiderte. Er ist eine Maske, hinter der sie die schrecklichen Allergien mumienartig vor dem blendenden Scheinwerferlicht verbirgt. Kurz: Er ist in jedem Fall ein Mythos, der schnell hinter der anfänglich vermuteten Biografie hervortritt und in eine Welt der Fiktionalität führt: mitten in einen Roman, hinter dem sich eine gesamte Epoche offenbart. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, weshalb Le Monde die Entscheidung der Goncourt-Jury mit dem viel zitierten Satz von der Unverzichtbarkeit dieses Romans, "um das Jahrhundert abzuschließen", feierte.
Ein französischer Schriftsteller erzählt also von bleiernen deutschen Jahren in der Nachkriegszeit. Er klatscht über Ulrike Meinhof und eine drohende Entführung. Er spricht über Künstler und entwirft so puzzleartig ein Porträt der jungen Bundesrepublik, mit Passagen (sympathischer) Deutschtümelei, in der die Caven -- im Laufe der Lektüre längst zu einer literarischen Gestalt geworden -- aufwächst. Das poetische Verfahren ist das einer Collage, die Sprache hochpoetisch und sich augenscheinlich distanzierend von Werbetextern und Popschreibern.
Die Initialzündung war vermutlich ein schmutziger Zettel, den man neben der Leiche von Fassbinder fand und auf dem in 18 Stationen das Leben der Caven mit Stichworten skizziert war. Aber der Roman hat kein Ende, genauso wenig wie er einen Anfang besitzt. Denn er ist (vielleicht aus Hochachtung vor Fassbinder?) wie ein Film voll zerstückelter Szenen. Und genau deshalb kann er keine Biografie sein. Überhaupt: Könnte ein Leben wie das der Caven etwas anderes sein als ein Roman? --Kristina Nenninger
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Fällt es den Deutschen schwer, ihre Stars zu lieben? Sie haben Marlene Dietrich und Romy Schneider vertrieben, und auch Ingrid Caven ist nicht im eigenen Land, sondern in Paris und New York zur Legende geworden. Es ist kein Zufall, daß es ein französischer Jude war, der ihren Roman geschrieben hat. In dieser Aufnahme begegnen sich Fiktion und Dokument: die Prosa eines brillanten Schriftstellers und die Stimme einer großen Sängerin.