Die hochgewachsene Schwedin Inge, fast fünfzig, geschieden, Mutter zweier in London studierender Töchter, ist eigentlich Lehrerin. Sie lebt in einer Reihenhaussiedlung in Stockholm und hat ihr Pädagoginnen-Dasein längst gegen eine lukrativere und weit weniger nervenaufreibende Tätigkeit aufgegeben. Inge verfasst Sachbücher, tut das zu Hause und führt mehr oder weniger ein Einsiedlerleben. In einer Gärtnerei lernt sie die gleichaltrige Mira kennen, eine kleine, temperamentvolle Chilenin, wie sie selbst Mutter und wie sie selbst geschieden. Zwischen diesen beiden Frauen, wie sie von ihrem sozialen Umfeld und ihrer Vergangenheit nicht unterschiedlicher sein können, entspinnt sich eine zwar enge, aber sehr komplizierte Freundschaft. Die emanzipierte Inge, die ihrem Mann einst die Tür wies, liebt ihn noch immer. Mira, als Unterworfene in einer patriachalischen Struktur, löst sich nach der Flucht aus der Hölle der Pinochet-Junta von ihrem Ehemann und besitzt zum ersten Mal in ihrem Leben ein Bankkonto. Nicht als Frau ihres Mannes, sondern als Mira Narvaes. Doch die Vergangenheit wirft lange Schatten auf ihre verletzte chilenische Seele. Schier unglaubliche Grausamkeiten schlugen Miras Psyche tiefe, schwärende Wunden, deren Schmerzen sie mit Tabletten und Alkohol bekämpft. Einen ihrer drei Söhne verlor Mira, die nun in einem Kindergarten für Einwandererkinder ihren Lebensunterhalt verdient, an das Pinochet-Regime. Otilia, die einzige Tochter, vergewaltigt und gedemütigt, gilt als verschollen. Bei einer Reise nach London stellt Inge Nachforschungen nach Otilia an ... Dies ist nur ein Handlungsstrang einer ebenso verästelten wie dichten Erzählung, deren jähe Wendungen den Leser immer aufs Neue fesseln. Wer sich auf diesen bildhaften, kraftvollen Roman der schwedischen Erfolgsautorin Marianne Fredriksson einlässt, findet sich plötzlich mitten im Schweden der neunziger Jahre. Wird konfrontiert mit schicksalhaften Vergangenheiten, die unter die Haut gehen, betroffen machen. Als leichte Lektüre vor dem Schlafengehen ist „Inge und Mira" nicht zu empfehlen, doch wer mit den beiden Frauen einmal Bekanntschaft geschlossen hat, wird das Buch nicht mehr beiseite legen können. Nuancenreiche Naturschilderungen dieses vom langen dunklen Winter geprägten Landes, seinen Traditionen, der buchstäblichen Toleranz seiner Menschen lassen diese 236 Seiten zu einem Leseerlebnis erster Güte werden. Auch eine Reise in das ferne Anden-Land bleibt dem Leser nicht erspart, hilft zu verstehen und erinnert an politische Verhältnisse der frühen siebziger Jahre.