War es James Surowieckis Verdienst, mit seiner ausgezeichneten Untersuchung 'Die Weisheit der Vielen' (2006), eindrucksvolle Beispiele und Begründungen dafür zu liefern, warum große Gruppen oft klüger sind als Individuen und Experten, so beleuchtet Sunstein Chancen und Grenzen neuer Formen kollektiver Intelligenz und Kreativität in großen Gruppen. Anknüpfend an Condorcets Demokratiekonzept und Hayeks These von der Überlegenheit des Marktes zur Zusammenführung verteilter Informationen untersucht er vier Wege, um das Wissen der Vielen zu aggregieren:
1. Statistischer Mittelwert unabhängig voneinander getroffener Urteile
2. Anonyme Abstimmung nach Diskussion
3. Markt: Preismechanismus und Prognosemärkte
4. Nutzung des Internets (Wikis, Open Source Software, Blogs - Filtern & Sortieren)
Unter Anführung zahlreicher Studien zeigt er überzeugend, unter welchen Bedingungen die Urteile großer Gruppen verlässlicher als die von Individuen und sogar Einzelexperten sind. Weiter räumt er mit dem Vorurteil einer Überlegenheit der diskutierenden Gruppe auf und zeigt wie informationale Einflüsse, sozialer Druck, Gruppenpolarisation, Statusvorteile, Kaskadeneffekte und vieles mehr, dazu führen, dass diskutierende Gruppen in vielen Fällen statistischen Gruppen unterlegen sind.
Anhand der Analyse des verblüffend exakten Funktionierens von Prognosemärkten, wo Teilnehmer z.B. einen Geldbetrag auf den Sieg eines Präsidentschaftskandidaten setzen können, zeigt er, was zu beachten ist, damit große Gruppen ihr Potenzial nutzen können.
Die so gewonnenen Kriterien nutzt Sunstein zur Beurteílung der neuen Formen kollektiver Kreativität im Internet. Hier zeigt er, dass insbesondere das Wikipedia-Modell sowie die Open Source Bewegung Anlass zur Hoffnung auf eine optimierte Nutzung der Weisheit der Vielen bieten, während Blogs eher zur Vereinseitigung tendieren.
Fazit: Einer der Begründer, der Idee der kollektiven Kreativität, der Zukunftsforscher und Erfinder der Zukunftswerkstatt, Robert Jungk, antwortete im September 1991 kurz vor seinem Tod auf meine Frage, was sein Traum für den Rest seines Lebens sei:
Ich glaube, dass die Gesellschaft noch nicht fertig ist, und dass wir nach Wegen suchen sollten, '...daß diese vielen unterdrückten, nie ins Spiel gekommenen Kräfte der vielen Menschen, die an viel zu frühen Momenten Abschalten, Ausschalten, nur noch mitmachen, mitlaufen, daß dieser enorme Schatz, der in Milliarden Menschen steckt, daß der gehoben wird. Das ist meine große Sehnsucht und ich glaube, daß das möglich ist.' (In: Burow 2000: Ich bin gut ' wir sind besser. Erfolgsmodelle kreativer Gruppen. Stuttgart: Klett-Cotta.),
Infotopia zeigt 18 Jahre später nach dieser Vision, dass und unter welchen Bedingungen diese Vision Wirklichkeit werden kann
Ich bin gut, wir sind besser: Erfolgsmodelle kreativer Gruppen. Für alle, die in Wirtschaft, Politik und Bildung mit großen Gruppen arbeiten, ein unverzichtbares Analyseinstrument.
Prof.Dr. Olaf-Axel Burow Universität Kassel